„Hör auf damit, Du verziehst Dein Baby!“ Ein Baby verwöhnen – ist das überhaupt möglich?

Marlen Greb

„Verwöhne Dein Baby nicht so!“ Ein immer noch weit verbreiteter „Erziehungstipp“. Doch ist er wirklich richtig? Können junge Babys überhaupt verwöhnt werden? Oder sollte man in Erziehungsfragen manchmal besser auf seinen Instinkt hören?

 

„Hör auf damit, Du verwöhnst es zu sehr!“

Immer wieder lese ich im großen, weiten Internet Sätze wie:

Verwöhnen_mini

Ich könnte diese Liste ewig fortführen. Immer wieder lese ich Aussagen wie diese und jedes Mal wieder stellen sich mir alle Nackenhaare auf.

Warum?

Ganz einfach: Ein junges Baby verwöhnen ist NICHT möglich. Auf keinen Fall jedenfalls im negativen Sinne!

Verwöhnen – Reine Definitionssache?

Junge Babys bestehen nur aus Grundbedürfnissen, die erfüllt werden wollen. Und diese Grundbedürfnisse schließen nicht nur Hunger und Durst, sondern auch Körperkontakt und einen einfühlsamen, liebevollen Umgang ein.

Schauen wir doch einmal in den Duden:

Hier sind 2 verschiedene Definitionen von „verwöhnen“ zu finden:

1. jemanden durch zu große Fürsorge und Nachgiebigkeit in einer für ihn nachteiligen Weise daran gewöhnen, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird

(Beispiel: Kind brüllt an der Supermarkt Kasse nach Essen und Süßigkeiten. Um kein „Theater“ zu haben, bekommt es jedes Mal im Supermarkt was es will und soviel es will)

2. durch besondere Aufmerksamkeit, Zuwendung dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt

(Beispiel: Kind ist krank und bekommt das Lieblingsessen gekocht oder: Papa weiß, dass sein Kind gerne am Abend noch mit ihm lesen möchte und schafft es, früher nach Hause zu kommen, damit er ganz besonders viel Zeit für sein Kind hat)

Du siehst, verwöhnen ist eben nicht nur negativ! Oder empfindest Du ein entspanntes Wochenende im Wellness-Hotel mit Massage und Whirlpool als schlecht oder negativ? 😉

Baby hält Daumen_mini

Warum können Babys nicht verwöhnt werden?

Zunächst einmal ist klarzustellen: Selbstverständlich gibt es bei älteren Kindern Verhaltensweisen, die man nicht unbedingt fördern sollte. Dieser Artikel hier handelt jedoch von Babys (also Kindern unter 1 Jahr) und diese kleinen, hilflosen Wesen unterscheiden sich sehr deutlich von größeren Kindern, die selbstverständlich auch in „negativer“ Hinsicht verwöhnt werden können.

Babys kommen völlig hilf- und schutzlos auf die Welt. Sie sind zunächst nicht in der Lage sich fortzubewegen, mit Worten zu kommunizieren, sich selbstständig Nahrung zu beschaffen oder sich vor Kälte zu schützen. Sie sind in jeder Hinsicht auf die Hilfe von Mama und Papa angewiesen.

Um auf sich aufmerksam machen zu können, wurden Säuglinge mit einem recht kräftigem Schrei“organ“ ausgestattet. Somit stellen sie sicher, dass Mama und Papa ihre Bedürfnisse wahrnehmen und befriedigen.

Doch lange Jahre wurde Eltern suggeriert, dass das Wahrnehmen und direkte Befriedigen seiner Bedürfnisse das Baby verwöhnen und verziehen würde.

Doch solltest Du als Mama wirklich gegen Deinen Instinkt handeln?

Woher kommt die große Angst vor dem Verwöhnen?

Die große Angst vor dem Baby verwöhnen ist hierzulande seit Generationen fest in den Köpfen der Eltern verankert. In vielen anderen Kulturkreisen kennt man diese Ängste gar nicht.

Geschürt wurde diese Angst durch die Nazi-Zeit, in welcher eine Lungenärztin die noch heute bekannten und leider auch oftmals noch immer beliebten Theorien wie „Schreien kräftigt die Lungen“ aufstellte.

Das Nazi-Regime hatte kein Interesse an engen Eltern-Kind-Bindungen, daher wurden die Eltern gezielt mit Schlagwörtern wie „verweichlichen“, „verwöhnen“ oder „verziehen“ verunsichert und manipuliert. Leider mit Erfolg.

Schrecklicherweise wird noch heute vor zu viel Körpernähe, zu vielem Tragen oder gar dem „in einem Bett schlafen“ gewarnt. Auch ein promptes Reagieren auf das Weinen des Babys „ohne Grund“ (ein Baby hat IMMER einen „Grund“!) ist noch immer gern verpönt und wird mit „Du verwöhnst Dein Baby zu sehr“ abgetan.

Baby crying

„Schreien kräftigt die Lungen“ – Was passiert, wenn diese Empfehlung ernstgenommen wird?

Psychologen, Hebammen und Bindungsforscher sind sich einig: Es ist nicht möglich ein junges Baby zu verwöhnen!

In den ersten Lebensmonaten legst Du den Grundstein für die gesunde, stabile Psyche Deines Kindes. Das sogenannte Urvertrauen wird gebildet. Dein Baby lernt: „Mama und Papa sind da, wenn ich sie brauche – ich brauche mir keine Sorgen machen, ich bin nicht allein“.

Mit Hilfe von ganz viel Geborgenheit, Liebe und Sicherheit entwickelt es sich zu einer stabilen Persönlichkeit, die mit Krisen in der Regel gut umgehen kann und eine positive Lebenseinstellung hat.

Doch was passiert nun wenn ich mein Baby schreien lasse? Fakt ist: Schreien lassen gefährdet die Eltern-Kind-Bindung. Und das nachhaltig.

Besonders sehr junge Babys sind sich nicht darüber bewusst, dass sie eine eigenständige Person sind. Sie sind nicht in der Lage zwischen sich und ihren Bezugspersonen zu unterscheiden, sie nehmen alles als „ein Ganzes“ wahr.

Ebenso wenig sind sie in der Lage zwischen „Gleich“ und „Jetzt“, „Gestern“ und „Morgen“ zu unterscheiden. Daher verstehen sie auch nicht, dass eine Trennung von Mama nur vorrübergehend und „nur mal ganz kurz“ ist.

Es ist also nun ganz besonders wichtig, dass Dein Baby stets die Erfahrung macht, dass Du immer für es da bist. Das Du da bist, wenn es Dich braucht, dass Du Dich um seine Bedürfnisse (volle Windel, Hunger, Kuscheln..) kümmerst und dies alles so schnell es irgend geht.

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Hör auf Dein Herz

Du siehst, all diese Dinge haben so rein gar nichts mit Baby verwöhnen zu tun!

Alles worum es hier geht ist Vertrauen. Zunächst um das Vertrauen des Babys in seine nächste Umgebung, dann um das Vertrauen in seine Eltern und schlussendlich auch in das Vertrauen in sich selbst. Und ein gesundes Selbstvertrauen ist vermutlich eine der wertvollsten Eigenschaften, die Du Deinem Kind mitgeben kannst..

Also: Vertraue Deinem Instinkt und tue was Dein Mutterherz Dir sagt! Lass Dich nicht verunsichern und von „schlauen Ratschlägen“ fehlleiten.

Und vor allem: Mache Dir keine unnötigen Gedanken mehr darüber, ob Du Dein Baby „verwöhnst“ oder nicht, denn dies ist nicht möglich.

Genieße die gemeinsame „Kuschelzeit“ – sie vergeht so schnell und kommt nie zurück.. ♥