Das Wochenbett: Wolke Sieben? Keine Spur!

Eva Becker

Dunkle Wolken am Gemütshimmel, Tränen und totale Erschöpfung – so sahen meine Flitterwochen aus. Meine Baby-Flitterwochen wohlgemerkt. Bis ich verstand: Mein Baby hat einen Jetlag. Und eine perfekte Mama ist auch noch nicht vom Himmel gefallen.

Flitterwochen? Ganz ehrlich: Das Wochenbett und damit die ersten sechs Wochen nach der Geburt als Baby-Flitterwochen zu bezeichnen, finde ich einfach falsch. Denn mit diesem Wort verbinden wir doch nur Leichtes, Romantisches, Unbeschwertes. Wenn die Flitterwochen schön sind, dann klappt es auch mit der lebenslangen Beziehung, glauben wir. Aber was, wenn nicht? Dann sitzt man als frischgebackene Mama verunsichert neben seinem weinenden Baby und weint selber, weil alles so schief läuft. Wolke Sieben? Keine Spur.

Ohne Gurt in der Hormon-Achterbahn 

Es war Tag sechs nach der Geburt meines Sohnes, ich fuhr Loopings in der hormonellen Achterbahn und ließ alles raus: „Ich weiß doch gar nicht, ob der Kleine mich überhaupt mag!“, schluchzte ich ins Telefon und meine Freundin am anderen Ende der Leitung reagierte genau richtig. Sie sagte nicht: „Aber der Kleine kann doch noch nichts“ oder „Du verlangst zu viel“. Nein, sie sagte: „Ich weiß, die ersten Tage waren echt Scheiße. Aber danach wird’s besser, glaub mir.“ Darf man das sagen oder überhaupt fühlen? Wo man doch gerade das Schönste geschenkt bekommen hat, das es auf der Welt gibt: ein Baby! Rückblickend denke ich, dass die Gespräche mit dieser Freundin mir mehr gebracht haben, als alle anderen Ratschläge. Denn sie konnte mir aus ihrer Erfahrung schildern, wie schwer es am Anfang sein kann, richtig in der Mutterrolle anzukommen.

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Keine Kraft für Gelassenheit 

Die Liebe für meinen Sohn spürte ich vom ersten Augenblick an, als er auf meinem Bauch lag und seine kleinen, käseverschmierten Händchen hob. Aber nach ein paar Tagen war der „Honeymoon“ vorbei. Als Mutter brauchst Du Gelassenheit und Sicherheit und auch eine Portion Selbstbewusstsein – und an all dem mangelte es in meinen ersten Wochen mit Baby so ziemlich. Überall schien ich zu scheitern: Mein Mann konnte unseren Sohn schneller beruhigen als ich – schlechte Mutter. Das Stillen tat weh und genügend Milch kam auch nicht – schlechte Mutter. Dazu die Kaiserschnitt-Narbe, die brannte. Und der Schlafmangel: Unser Sohn wachte nachts alle eineinhalb Stunden auf. Und tagsüber konnte ich nicht schlafen. „Wenn Du irgendwann todmüde bist, dann kommt der Schlaf schon“, hörte ich immer wieder. Aber er kam nicht!

Tipp 1: Nicht so streng zu sich sein  

Was mir geholfen hat, aus dieser gedanklichen Negativ-Spirale wieder herauszukommen: Irgendwann wurde das Humorzentrum in meinem Hirn wieder aktiv. Ich fand mein Lachen wieder und lernte, mich selbst nicht so streng zu beurteilen. Und ich wurde auch ein Stück ehrlicher zu mir: Ja, ich bin ein Mensch, der unter Stress manchmal nervös wird. Wie sollte ich also im Handumdrehen eine Mutter werden, die mit engelsgleicher Geduld das zweistündige abendliche Schreien ihres Kindes weglächelt?

Tipp 2: Frische Luft und quatschen

Unter dem Motto geteiltes Leid ist halbes Leid hat es mir auch unendlich geholfen, mich auf langen gemeinsamen Kinderwagen-Touren mit anderen Müttern auszutauschen. Bei keiner der Mamis, die ich im Geburtsvorbereitungs-Kurs kennengelernt hatte, liefen die ersten Wochen rund: Stillprobleme, Geburtsverletzungen, Nervosität, Schlaflosigkeit – wir alle waren hundemüde und genossen trotzdem unsere Spaziergänge an der frischen Luft.

Tipp 3: Babys Jetlag verstehen 

Und unser süßer Kleiner, der die ersten Wochen damit verbrachte, schlaflos zu sein und scheinbar deprimiert in die Welt zu schauen? Den lernte ich auch besser verstehen, als ich mir klarmachte: So richtig toll muss er es auf der Welt noch gar nicht finden. Schließlich hatte er einige super Monate in meinem Bauch verbracht – dort war es immer warm, es gab immer etwas zu essen, er wurde nicht ständig an- und ausgezogen, er hörte vertraute Geräusche … Und jetzt: Jetlag hoch zehn. Alles anders, alles neu. Also versuchten wir, ihm den Übergang möglichst sanft zu gestalten. Ich lieh mir von meiner Schwester ein Tragetuch und lernte die Wickeltechnik. Ich fütterte zu und freute mich darüber, dass er keine Saugverwirrung erlitt. Und ich ließ ihn ganz viel auf meinem Bauch liegen, wo er entspannt vor sich hin schlummerte.

Tipp 4: Flittern, aber anders! 

Und damit waren wir dann doch in den Baby-Flitterwochen! Denn der Ursprung dieses Wortes leitet sich laut Wikipedia wahrscheinlich von dem althochdeutschen Wort  filtarazan (was so viel wie „liebkosen“ bedeutet) und dem mittelhochdeutschen vlittern („kichern, flüstern, kosen“) ab – und genau das taten wir. Dabei wurde auch ich immer ruhiger und gelassener und tat wahrscheinlich mehr für die Mutter-Kind-Bindung als durch den ständigen überzogenen Anspruch an mich, die tollste Mutter zu sein, der alles gelingt.

Tipp 5: Papa machen lassen 

Letzter Tipp, aber dadurch nicht weniger wichtig: Lasst auch  mal die Papas machen! Und zwar nicht erst dann, wenn Ihr nicht mehr könnt. Weil es nämlich einfach wichtig ist, diese Zeit gemeinsam zu erleben. Noch heute, wo unser Sohn vier Jahre alt ist, kann mein Mann ihn besser beruhigen als ich. Das empfinde ich aber nicht mehr als schlimm, sondern als sehr schön. Die Erkenntnis, dass eben alles so kommt, wie es kommt, und nicht so, wie in der perfekten Vorstellung wäre, ist sicherlich das hilfreichste Motto für die gesamte, wundervolle Babyzeit.