Frühkindliche Förderung – muss das wirklich sein?

Katharina

Immer öfter kann man beobachten, wie schon die Kleinsten einem straffen Terminplan hinterherjagen. Doch wo hört Fördern auf und das Überfordern beginnt? Was gegen den übertriebenen Förder-Aktionismus vieler Eltern spricht.

Der Wunsch, sein eigenes Kind so früh wie möglich so gut wie möglich zu fördern, scheint bei vielen Eltern so präsent zu sein wie nie. Denn Erfolg habe in unserer Ellenbogengesellschaft später einmal nur, wer die beste Ausbildung genossen hat. Und da müssen scheinbar die eigenen Vorzüge so früh wie möglich ausgearbeitet werden. Durch solche Gedanken ensteht eine Menge Druck. Doch dieser lastet nicht nur auf Eltern, sondern auch auf den noch viel zu kleinen Schultern ihrer Kinder. Daher lohnt sich ein Blick auf die theoretischen Ziele und die Auswirkungen, welche die frühkindliche Förderung schließlich in der Praxis mit sich bringt.

Formen der frühkindlichen Erziehung

Doch was bedeutet frühkindliche Förderung eigentlich ganz konkret? Gemeint sind hiermit im Prinzip alle Maßnahmen zur Bildung und Förderung, die vor dem Schuleintritt erfolgen. Somit fallen der Kita- und Kindergartenbesuch ganz klar hierunter. Aber eben auch Nachmittags- und Abendprogramme wie die musikalische Früherziehung in einer Musikschule oder Kinderkurse in Sportvereinen, die vor dem sechsten Lebensjahr besucht werden.
Das gut gemeinte Ziel ist, dass die frühkindliche Förderung die Basis für die gesamte spätere Entwicklung und Bildung eines Kindes sein soll. In dieser frühen Phase sollen bereits vorzeitig wichtige Kompetenzen erlernt werden, um die Schule möglichst erfolgreich bewältigen zu können.

Worauf es wirklich ankommt

Frühkindliche Förderung bietet besonders Müttern den Vorteil, dass für sie ein Berufswiedereinstieg möglich wird. Denn in Krippe oder Kindergarten sind die Kleinen gut aufgehoben während Mama und Papa arbeiten. Gleichzeitig werden sie spielerisch gefördert und ihre Sozialkompetenz steigt. Dieser Teilbereich ist also ganz klar notwendig und sinnvoll.
Doch kritischer wird es, wenn es um die Nachmittags- und Abendgestaltung geht. Ganz klar: Kommunikation, Sozialverhalten, Bewegung und Kreativität sollen sich auch schon in den ersten sechs Lebensjahren weiterentwickeln können. Doch sind dafür tatsächlich Kurse und Vereine notwendig? Oder kann das nicht auch im Ausgleich zur Kindergartenbetreuung genauso gut zuhause im Rahmen der Familie geschehen? Wir finden nämlich, dass übertriebene frühkindliche Förderung drei entscheidende Nachteile hat.

Nachteil 1: (Unbewusste) Beeinflussung

Frühkindliche Förderung bringt bereits einen wichtigen Nachteil mit sich, bevor überhaupt der erste Kurs oder ähnliches begonnen hat. Denn wohin schickt man sein Kind denn nun? Kindertanzen? Musikalische Früherziehung? Einsteiger-Turnen? Bambini-Fußball? Vielleicht hast Du auch erlebt, dass oftmals das Spekulieren bereits während der Schwangerschaft beginnt. Da sagt die Mama: „Das wird mal eine Prima-Ballerina!“ Der Papa träumt vom Frauenfußball und die Oma plant schon die Anschaffung eines Klaviers.
Viele Eltern und Verwandte drücken den jüngsten Familienmitgliedern (unbewusst) ihre eigenen Lieblingshobbys auf. Oder versuchen durch sie ihre eigenen unerfüllten Wünsche doch noch zu erreichen. So kann frühkindliche Erziehung die persönliche Entfaltung des Kindes behindern und im schlimmsten Fall werden die Kleinen mit ihrem Hobby richtig unglücklich, haben aber ein schlechtes Gewissen das so mitzuteilen.

Nachteil 2: Erhöhter Stress

Ein Kind sollte auf gar keinen Fall einen prall gefüllten Terminkalender haben. Selbst wenn Eltern meinen, dass jeder einzelne Punkt der Agenda ja viel Spaß bereite und garantiert gut für die frühkindliche Entwicklung sei. Denn so können bereits Kinder unter enormen Stress leiden. Nach dem Kindergarten mehrmals in der Woche noch zu anderen „Hobbys“ aufbrechen, das ist für die allermeisten Kinder schlichtweg zu viel des Guten. Sie rennen von Termin zu Termin und verausgaben sich völlig.
Dies kann sich wie bei Erwachsenen durch Kopfschmerzen und Antriebslosigkeit bemerkbar machen. Dabei sollte so etwas wie ein Burnout bei Kindern unbedingt vermieden werden. Diese Pflicht der Eltern steht über dem Wunsch nach einer besonderen Förderung.

Nachteil 3: Entstehende Verantwortungsgefälle

Im Prinzip ist es ja nur lobenswert, dass es auch für die jüngeren Kinder bereits viele Angebote für die frühkindliche Förderung gibt. Dennoch kann sich so bei Eltern ganz unbemerkt eine Negativ-Routine einspielen. Denn je öfter man sein Kind zur Förderung „wegschickt“, desto selbstverständlicher wird es, die Bildung und die Entwicklung des eigenen Kindes ständig auf andere Institutionen abzuwälzen. Entwicklung, das geschieht dann plötzlich außerhalb der Mauern des eigenen Zuhauses.
Durchgeführt wird die Förderung im Regelfall von anderen. So kann schnell der eigene Erziehungsauftrag in den Hintergrund geraten. Dabei sollte man nie vergessen, dass Eltern nicht nur Verantwortung für die frühkindliche Förderung und Erziehung (!) haben, sondern sie auch bis zu einem gewissen Alter sehr gut selbst bewerkstelligen können.

Auf die Balance kommt es an

Man sollte also nie vernachlässigen, welchen Schaden frühkindliche Förderung in einem übertriebenen Maße anrichten kann. Doch ganz verwerfen muss man sie aufgrund ihrer positiven Aspekte auch nicht. Doch wie viel Förderung ist nun angemessen? Zunächst einmal geht es um ein gutes Zeitmanagement. Das bedeutet jedoch nicht, noch mehr in noch weniger Zeit schaffen zu können.
Vielmehr geht es darum, Zeit sinnvoll zu planen und genügend Zeit für Ruhepausen und das freie Spielen zu schaffen. Weniger ist in diesem Bereich für Kinder einfach mehr. Daher sollte man sein Kind höchstens 1–2 Mal in der Woche für ein Zusatzprogramm anmelden. Eltern müssen außerdem unbedingt auf Übermüdung und andere Warnsignale achten.

Den richtigen Zeitpunkt abwarten

Außerdem empfiehlt es sich, nicht zu früh mit dem Planen von Terminen zu beginnen. Oftmals macht es Sinn, solange zu warten, bis das Kind selbst nach einer Zusatzbeschäftigung verlangt. Bei der Wahl des Hobbys ist es am besten, eigene Wünsche außen vor zu lassen. Bei verschiedenen Schnupperstunden kann sich Dein Kind ein eigenes Bild machen und im Anschluss bereits selbständig entscheiden.

Gemeinsame Zeit

Zuletzt solltest Du jedoch nie vergessen, wie gut es Deinem Kind auch tut, einfach zuhause Zeit mit Dir zu verbringen. Auch was die frühkindliche Förderung angeht, kannst Du Dir als Mutter ruhig auch selbst eine Menge zutrauen. Beachtet man diese Richtlinien kann sich frühkindliche Förderung in einem gesunden Maße als sehr sinnvoll erweisen. Doch dem eigenen Kind zuliebe sollte man es auf gar keinen Fall übertreiben. Selbst wenn man es nur allzu gut meint.