Geschlechtsneutrale Erziehung: Wie viel Freiraum tut Jungen und Mädchen wirklich gut?

Katharina

Puppen und Spielzeugküchen sind nur was für die Mädchen und Bagger und Werkbank finden eigentlich nur Jungs spannend? Immer mehr junge Eltern wollen in ihrer Erziehung von solchen Rollenklischees nichts mehr wissen. Was hat es mit dem aktuellen Trend der geschlechtsneutralen Erziehung auf sich und kann so etwas überhaupt funktionieren?

Geschlechtsneutrale Erziehung in ihrer extremsten Form

Die Beschreibung der extremsten Ausprägung von geschlechtsneutraler Erziehung möchten wir als Negativbeispiel gerne vorausschicken. Denn auch wenn der Gedanke, sein Kind nicht mehr zu 100 % den Rollenklischees entsprechend zu erziehen, nicht nur modern sondern auch vorteilhaft für die kindliche Entwicklung sein kann, treiben manche Eltern es mit der der geschlechtsneutralen Erziehung auch ganz klar zu weit. Sie weigern sich, ihren Kindern die geringste Richtung in Sachen Geschlecht vorzugeben, und behandeln ihr Kind quasi so lange als „Neutrum“ bis es eines Tages selbst entscheidet, was es nun sein will: Ein Junge oder ein Mädchen.
Die schwedische Vorschule „Egelia“ (zu deutsch „Gleichheit“) greift dieses Konzept bereits seit 2010 auf. Dort werden die Kleinen nicht als Jungen oder Mädchen angesprochen, sondern allgemein als „Freunde“. Farbgestaltung, Spielzeug, Bücher, jeder Satz im Umgang zwischen Erziehern und Kindern wird bewusst so gestaltet, dass ihre Schützlinge ja nicht in rollenspezifisches Verhalten verfallen könnten. Andere EU-Länder ziehen inzwischen nach. Psychologen warnen jedoch, dass diese Herangehensweise bei Kindern zu einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung und schweren psychischen Problemen führen kann. Aber wie kann man die positive Absicht, die eigentlich hinter der Idee einer gender-neutralen Erziehung steht, in gemäßigter und gesunder Form in die eigene Erziehung mit einfließen lassen?

Trendwechsel

Die Sehnsucht nach einer (teilweisen) Überwindung der herkömmlichen Rollenklischees ist an sich ja nichts wirklich Neues. Schließlich ist es noch gar nicht allzu lange her, als Frauen in Deutschland begannen, für sich und ihre Töchter um Gleichberechtigung zu kämpfen. Wenn kleine Mädchen heute lieber Fußball spielen als zum Ballett zu gehen oder später mal KFZ-Mechanikerin werden wollen, ist das dank langer Emanzipationsbemühungen inzwischen schon recht normal geworden.
Tatsächlich lässt sich feststellen, dass es aktuell eher die Jungen sind, die immer noch eingeschränkt werden. Mini-Männer, die im Buggy auf der Straße eine Puppe vor sich herschieben, gerne mal Mamas Schminke ausprobieren oder Erzieher als Traumberuf haben? An solche Bilder haben sich längst noch nicht alle gewöhnt. Doch scheint es, als würden auch die Väter nachziehen und um Eman(n)zipation 2.0 für ihre Söhne zu kämpfen. Wie beispielsweise Mikki Willis, der in diesem Youtube-Video eindrucksvoll erklärt, dass auch sein Sohn mit Barbies spielen darf, und er als Vater trotzdem immer hinter ihm steht.

puppe

Eltern müssen Wurzeln geben

Genau genommen birgt die Idee einer geschlechtsneutralen Erziehung einen großen Widerspruch in sich. Denn niemand kommt als Neutrum zur Welt und das Geschlecht ist nun einmal von Natur aus festgelegt – abgesehen von vergleichsweise seltener Inter- oder Transsexualität. Es ist zudem unrealistisch, zu denken, man könne sein Kind vor jeglichen gesellschaftlichen Konventionen abschirmen. Und auch Eltern selbst können sich zwar hier und da zurückhalten, doch egal was wir gerade tun (oder lassen), es hat ganz gewiss Einfluss auf unsere Kinder.  Daher kommt es eher auf das bewusste Erziehen an.
Denn soll es Eltern wirklich darum gehen, Geschlechter für ihre Kinder wählbar zu machen? Oder sollte man vielmehr seinen Sohn ermutigen, stolz darauf zu sein, ein Junge zu sein und die Tochter ein Mädchen. Um seinen Kindern die nötige Orientierung zu geben, macht es gar nichts, wenn diese sich zunächst im eher geschlechtertypischen Rahmen bewegen. Aber da jedes Kind ein kleines Individuum ist, lässt sich nicht so einfach festlegen, was „typisch Mädchen“ und was „typisch Junge“ ist.  Wir dürfen also sehr wohl gezielt hinterfragen, was wir gemeinhin den jeweiligen Geschlechtern zuordnen, und Kindern die Möglichkeit geben, damit zu brechen.

Von außen betrachtet

Das Überdenken von Geschlechterklischees beginnt eigentlich schon recht oberflächlich bei der Wahl von Zimmergestaltung, Spielzeug und Kleidung für den Nachwuchs. Es ist völlig in Ordnung, wenn sich ein kleines Mädchen ihr rosafarbenes Reich mit zig Puppen teilt und dabei ein Blümchenkleid trägt. Doch wäre es wirklich so schlimm, wenn sie sich statt einer Frisierpuppe eine Werkbank zum Geburtstag wünscht? Oder wenn sie sich beim Shoppen für ein Shirt mit Auto-Aufdruck entscheidet und es auch bekommt?
Es ist auch völlig in Ordnung, wenn ein kleiner Junge in seinem himmelblauem Zimmer am liebsten mit seinem Mini-Fuhrpark spielt und dabei davon träumt, dass er einmal Feuerwehrmann oder Polizist werden will. Doch wäre es wirklich so schlimm, wenn er sich statt eines Fußballs eine Spielküche wünscht, damit er so wie Mama Kochen lernen kann? Oder er mit einer Barbie im rosafarbenen Prinzessinnen-Kleid spielt? Aber ohne dass jemand dabei sagt: „Ach Schatz, das ist doch nur für Mädchen!“

Typisch Junge – Typisch Mädchen?

Doch bei der Überwindung von überholten Geschlechterklischees geht es nicht nur um Farben und Spielzeuge. Ganz leicht ordnen wir  Mädchen  und Jungen ganz bestimmte Eigenschaften zu. Mädchen sind die zarten ruhigen Wesen, die sich im Umgang mit anderen lieb und nett verhalten und gerne hübsch aussehen. Jungs sind hingegen abenteuerlustig, rebellieren gerne und stärker wettkampforientiert. Doch was ist mit den sensiblen Jungs, die darunter leiden, wenn ihnen immer nur gesagt wird, ein Indianer kenne doch keinen Schmerz? Oder mit den Mädchen, die denken, es gehöre sich für sie nicht, auch mal die Ellenbogen auszufahren und für die eigenen Bedürfnisse zu kämpfen? Mehrere Meinungen und Erfahrungen hierzu kannst Du übrigens in unserem Artikel „Jungs = wild / Mädchen = lieb – stimmt das eigentlich?“ nachlesen.

Unser Fazit: Eltern, die sich beim Umgang mit ihrem Kind nicht an Geschlechterklischees orientieren wollen, geben ihrem Schatz die Möglichkeit sich selbst zu entfalten. Unabhängig von Anforderungen von außen. Auch wenn das Modell geschlechtsneutrale Erziehung in ihrer Extremform vielleicht gut gemeint, aber dennoch schädlich sein kann: Es lohnt sich, seinen Kindern jenseits von gesellschaftlichen Konventionen immer wieder Raum zum Experimentieren zu geben, ohne sie dabei vollkommen orientierungslos sich selbst zu überlassen.

 


Puppenwagen und Spielzeugküche für die Jungs, Werkzeug und Lego für die Mädchen. Trau Dich!