„Hör doch bitte auf zu weinen!“ Von den Schreibaby-Ursachen und der sinnvollen Unterstützung

Julia Eickhoff

Hast Du Dir in Deiner Schwangerschaft auch vorgestellt, wie es sein würde, Dein Baby abends im Schaukelstuhl seelenruhig in den Schlaf zu singen? Vielleicht sieht die Realität anders aus, und Dein Kind schreit die meiste Zeit. Lies hier alle wichtigen Infos zum Thema „Schreibaby“!

 

Was genau ist ein Schreibaby?

Als Schwangere oder als Papa hast Du Dir vor der Geburt Deines Kindes bestimmt Gedanken über alles Mögliche gemacht. Meist gehört das Thema „Schreikind“ aber nicht dazu. So etwas passiert doch eher anderen, nicht mir. Ist es dann aber doch der Fall, ist es wichtig, sich zu informieren und Hilfe zu holen.

Als Schreibaby bezeichnet man einen Säugling, der unter andauernden und unstillbaren Schreiattacken leidet. In den ersten drei Monaten sind tatsächlich bis zu 29% aller Säuglinge davon betroffen. Bei knapp 10% zieht sich das Schreiverhalten bis über den dritten Monat hinaus.

Meist entwickeln solche Babys ab der zweiten Lebenswoche dieses  Verhalten; es endet generell nach ca. drei bis vier Monaten.

Alle Babys schreien – wie sollen sie sich auch anders in dieser Welt verständigen? Ungefähr 60 Minuten Schreien am Tag ist  der Normalfall. Schreikinder schreien genauso häufig am Tag, wie andere Kinder, nur dauert die einzelne Schreiattacke deutlich länger.

 

Woran erkenne ich, dass ich ein Schreibaby habe?

Es gibt einige Anhaltspunkte, an denen Du Dich orientieren kannst, um herauszufinden, ob Dein Kind außergewöhnlich viel schreit. Beim Schreien zieht es die Beinchen an und ballt die Hände zu Fäusten. Es überstreckt den Rücken, und der Bauch ist hart und gebläht. Das Gesichtchen ist hochrot – das Schreien klingt schrill und geht durch den ganzen Körper. Solche Attacken kommen meist abends vor, wobei sich Dein Kleines auch tagsüber nicht richtig entspannen kann und oftmals nicht länger als 30 Minuten am Stück schläft.

Der Kinderarzt Morris Wessel hat hierzu 1954 eine interessante Regel aufgestellt: Die Dreierregel!

Schreit Dein Kind…

… bis zu 3 Stunden täglich…

… an mehr als 3 Tagen pro Woche…

… über einen längeren Zeitraum als 3 Wochen…

… kannst Du davon ausgehen, dass Du ein Schreibaby hast.

Allerdings solltest Du nicht Zeit „verschwenden“, indem Du dauernd darüber nachdenkst und rechnest, ob die Dreierregel zutrifft! Wenn Du meinst, Dein Kind ist ein Schreibaby, such Dir sofort Hilfe. Das spart Kraft und Nerven!

Worin liegen die Ursachen für das Schreiverhalten?

Es gibt leider nur Vermutungen, was diese Frage angeht. Für eine zufriedenstellende Antwort hilft es Dir sicherlich, Dich ein bisschen mit Dir selbst, aber natürlich auch mit Deinem Baby zu befassen.

Zu Dir:

Dass Rauchen uns schadet, wissen wir alle. Dass das Rauchen auch unserem ungeborenen Kind im Bauch schadet – auch das wissen wir. Aber indirekt kann es auch das Schreiverhalten Deines Kindes verschlimmern, wusstest Du das auch?  In den ersten sechs Monaten verdoppelt Dein Baby sein Gewicht. Während dieser Zeit arbeitet der Magen-Darm-Trakt besonders stark. Dabei verspürt Dein Kleines verstärkt Bauchkrämpfe oder Blähungen. Durch das Nikotin wird diese Problematik laut einer Studie der schwedischen Universität Lund allerdings noch akuter. Folglich kann es sein, dass Dein Kind noch mehr weint und schreit. Es geht aber wohl ausschließlich um die Zeit der Schwangerschaft. Hast Du vorher geraucht, oder rauchst nachher wieder, so hat das angeblich keinen Einfluss auf das Schreiverhalten, ist aber leider für Dich trotzdem nicht gesund! 😉

 

Hattest Du eine besonders schwere Geburt oder sogar einen Kaiserschnitt? Auch hier vermuten Experten Ursachen dafür, dass Babys mehr schreien. Außerdem sollen Medikamente während der Geburt das Risiko steigern. Du musst aber keine Angst haben, falls Du die Geburt noch vor Dir hast. Viele Frauen lassen sich während der Geburt Medikamente geben. Und wenn es nur danach ginge, wäre beinahe jedes Baby ein Schreikind.

Stress während der Schwangerschaft solltest Du vermeiden. Vielleicht hast Du oft gedacht, Du stellst Dich an, weil Du vieles als stressig oder überfordernd empfunden hast. Aber gerade in der Zeit der Schwangerschaft ist man sensibler in allen Bereichen. Viele Nichtschwangere (die auch noch nie schwanger waren) kommentieren gerne mal: „Schwanger ist nicht gleich krank!“ Aber falls Du gerade schwanger bist und das Gefühl hast, Du bist platt und schaffst Deinen Job momentan auch nicht wirklich, dann gönn Dir einfach mal eine Pause. Der Stress kann sich auch auf Dein Baby übertragen, und solange wir es noch können, möchten wir unsere kleinen Küken doch vor allem Übel beschützen.

 

Zu Deinem Baby:

Du wirst Dich nicht mehr daran erinnern können, aber als Du auf die Welt gekommen bist, gab es auch für Dich jede Menge neue Reize, die Du verarbeiten musstest. Heutzutage sind diese Reize ja noch um ein Vielfaches angestiegen. Die meisten Säuglinge verpacken die neue Situation gut, können abends entspannt von dem Erlebten abschalten. Sie finden langsam einen ersten Lebensrhythmus. Diesen Prozess nennt man Selbstregulation. Manche Kinder können das aber leider nicht, sie möchten abschalten, kommen aber nicht in die Entspannungsphase. Das frustriert sie so sehr und äußert sich dann im Schreien. Kinder, die den Tag nicht so schnell verarbeiten können, sind oft sehr sensible, neugierige und wissbegierige kleine Menschen. Sie müssen besonders liebevoll betreut und umsorgt werden.

Von den früher oft gerne erwähnten Dreimonatskoliken als Grund ist man heute nicht mehr überzeugt. Der harte und geblähte Bauch galt immer als Beweis, allerdings ist dieser lediglich das Indiz dafür, dass Dein Baby durch das extreme Schreien unheimlich viel Luft geschluckt hat.

Zu Eurer Beziehung:

Manchmal entstehen in der Kommunikation zwischen Dir und Deinem Baby Missverständnisse. Erscheint ja auch logisch, denn Dein Baby kann noch nicht sagen, was es möchte und was es stört. Im Laufe der Zeit lernt Ihr Euch gegenseitig einzuschätzen. Eine Fehldeutung von einem Erwachsenen kann besonders empfindliche Babys frustrieren und überreizen. Spielst Du beispielsweise mit Deinem Kleinen, ziehst witzige Grimassen und machst lustige Geräusche, und Dein Baby dreht den Kopf weg, könntest Du eventuell davon ausgehen, dass es momentan kein Interesse hat.

Vielleicht spielst Du dann intensiver, weil Du Dein Kind motivieren möchtest – allerdings ist es einfach überfordert mit der Situation und dann sogar noch mehr durch das verstärkte Spielen. Dein Baby wird weinen, und Du bist irgendwann auch einfach überfordert.

Wer kann helfen?

Klär vorher am besten bei Deinem Kinderarzt ab, ob Dein Baby  körperliche Beschwerden hat.

Manchmal weinen Kinder zum Beispiel sehr viel, wenn sie gerade wieder einen Wachstumsschub durchmachen. Lies dazu doch mal den Ratgeber von Goldmann Oje, ich wachse.

Auch eine Allergie kann mit ein Grund sein. Manche Kinder vertragen das Eiweiß in der Kuhmilch nicht.

Das sogenannte KISS-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte-Symmetriestörung) wird gerne mit dem Thema Schreien in Verbindung gebracht. Es handelt sich hierbei um eine Fehlstellung der Halswirbelsäule, die aber in jedem Fall behoben werden kann.

Aber auch, wenn Dein Baby keine nachweislichen körperlichen Beschwerden hat, kann Dich Dein Kinderarzt und sicherlich auch die Hebamme Deines Vertrauen in solch einer Situation tatkräftig unterstützen.

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Patmos So beruhige ich mein Baby

Du solltest Dir auf jeden Fall weitere Hilfe holen und nicht denken, Du musst da alleine durch!!! Es gibt heute zum Glück sogenannte Schreiambulanzen. Die erste Schreiambulanz wurde 1991 von Mechthild Papoušek in München eröffnet. Therapeuten helfen Dir dort, Dein Kind besser zu verstehen – wann ist es müde, wann überreizt etc. Du lernst ebenfalls, die wachen Phasen zusammen mit Deinem Kind sinnvoll und liebevoll  zu nutzen.



Was kannst Du tun?

Im Alltag ist es wichtig, dass Du Dir Ruhepausen gönnst. Spann Deinen Partner, Deine Partnerin, Familie oder Freunde ein. Gib Dein Baby ruhig mal eine Zeit lang ab, damit Du wieder aufatmen kannst! Ein schreiendes Kind ist mehr als anstrengend und überfordert einen einzelnen – und das sollte in jedem Fall verhindert werden!  Geh zwischendurch auch mal kurz an die frische Luft, atme tief ein und versuch, Dich zu entspannen.

In Bezug auf Deinen Liebling sind Rituale jetzt unbedingt notwendig. Biete Deinem Kind einen ruhigen  Tagesablauf, eine Krabbelgruppe ist zwar an sich schön, aber in dem Fall vielleicht zuviel des Guten. Dein Kind braucht regelmäßige Schlafphasen – man sagt nach einer, bis anderthalb Stunden Wachphase müssen Schreibabys wieder ins Bett. Niemals aber soll man sein Kind alleine schreien lassen, wenn es nicht schläft. Dann lieber auf den Arm nehmen, Körperkontakt bieten und so zeigen, dass man da ist. Das gilt übrigens auch für „Nichtschreibabys“. Kann Dein Baby tagsüber nicht schlafen, kannst Du es ruhig im Auto oder Kinderwagen spazieren fahren.

 

Da die Schreiattacken meist abends auftreten, achte hier am besten auch auf feste Abläufe. Ein abgedunkelter Raum ist besonders reizarm, das gleiche Schlaflied jeden Abend bringt Sicherheit durch den Wiedererkennungswert. Schön ist auch die Spieluhr, die Dein Kleines eventuell schon aus der Zeit im Bauch kennt. Kann Dein Kind nicht einschlafen, sind hier Aktionen wie Auto fahren oder mit dem Kinderwagen eine Runde zu gehen, nicht unbedingt angebracht. Schreibabys schlafen schon dabei ein, sind aber in solchen Situationen noch zu vielen Reizen ausgesetzt und kommen wieder nicht in die Entspannungsphase.

Vielleicht ist auch das Buch von Goldmann Das glücklichste Baby der Welt hilfreich für Dich.

Lies doch mal passend dazu unseren Ratgeber: Das erste Babyzimmer – Schlafen, wohnen, wohlfühlen. Mit Farben lässt sich unter anderem ganz hervorragend eine beruhigendere Atmosphäre schaffen.

Auch wenn Du verzweifelt bist, merk Dir: Dein Baby schreit nicht, weil es sich bei Dir nicht wohl fühlt oder weil Du irgend etwas falsch machst!!! Dich trifft keine Schuld – auch wenn es Dir schwer fällt, das zu glauben!