„Mami, ich mein es nicht so!“ – Unser Schreibaby Interview mit Fachfrau Margit

Julia Eickhoff

Dein Baby schreit und schreit und schreit? Bist Du erschöpft und weißt nicht mehr, wie Du Deinem Schatz helfen sollst? Wir haben uns für Dich mit der Fachkinderkrankenschwester Margit Holtschlag unterhalten, die sich unter anderem auf den Bereich „Schreikinder“ spezialisiert hat. Lies selbst!

 

1

Margit Holtschlag

Margit Holtschlag ist Fachkinderkrankenschwester für ambulante Pflege und zertifizierte Baby- und Kindermassagekursleiterin  DGBM e.V.. Neben der Massage sowie der Still- und Trageberatung, befasst sie sich auch mit der Beratung und Unterstützung bei Schreikindern.

Wir haben uns mit ihr ausführlich über dieses Thema unterhalten und sind davon überzeugt, dass auch für Dich und Dein Baby in diesem Schreibaby Interview ein paar gute Tipps dabei sind.

Warum hast Du Dich auf  den Bereich „Schreikinder“ spezialisiert?

Die Frage des Auslösers ist etwas komplexer. Vor einigen Jahren bin ich einer Familie begegnet, die nach 7 Monaten mit einem Schreikind total verzweifelt war. Meine Kollegin hatte diese Familie damals auf mich aufmerksam gemacht. Nachdem ich der Familie erfolgreich und langfristig helfen konnte (ich war ungefähr die 20. Anlaufstelle einer langen Odyssee), legten meine Kolleginnen der Kinderklinik mir nahe, meine Hilfe nun offiziell anzubieten.

Davor hatte ich mich aber schon lange Zeit mehr oder weniger zielstrebig mit dem Thema beschäftigt. Es fing damit an, dass ich die Babys in der Klinik nicht schreien hören konnte und sehr viel Zeit an deren Bettchen auf der Suche nach einer Lösung verbracht habe.

Dann machte ich mehrere Fortbildungen, las sehr viel  und wurde 2000 Mutter. Schnell merkte ich, dass nicht alle Mütter um mich herum so glücklich und zufrieden waren wie ich.

Als Abschlussthema meiner Fachweiterbildung 2001 wählte ich das Thema „Wenn das Baby weint…“. 2003 machte ich die Ausbildung zur Babymassagekursleitung der DGBM e.V..

Es kamen immer mehr Eltern mit unruhigen Babys zu mir, und so entwickelte sich langsam mein Wissen, mein Fingerspitzengefühl, mein Ruf und mein Konzept. Besonders durch die Eltern, die ich beraten habe, konnte ich ein immer größeres Netzwerk aufbauen, auf das ich bei weiterführenden Problemen, z.B. psychischen Erkrankungen, zurückgreifen kann. Meine Spezialisierung ist über Jahre gewachsen.

mh

Wie definierst Du für Dich den Begriff „Schreikind“?

Ein Schreibaby ist dann ein Schreibaby, wenn die Eltern das sagen. Die Definition mit der sogenannten Dreierregel ist von 1954 und wenig hilfreich. Eltern, die sich an dieser Regel orientieren, verlieren viel zu viel Energie und wertvolle Zeit durch zu langes Abwarten.

Woran erkennt man ein Schreikind,

und wie unterscheidet es sich von anderen Kindern?

Ein Schreibaby erkennt man daran, dass beide Eltern übermäßig erschöpft sind. Häufig ist das Schreien auch verdeckt. Es äußert sich dann unter anderem durch häufiges Spucken.

Baby crying

Warum schreien solche Kinder soviel?

Das Thema Regulationsstörung ist sehr komplex. Es gibt viele Ursachen dafür. Vereinfacht lässt sich aber sagen, dass die Babys häufig sehr sensibel und extrem aufmerksam sind.

Die Signale, die sie oft vor einer Schreiattacke senden, werden vom Umfeld nicht korrekt interpretiert.

Auf die bei den Babys bestehende Überreizung wird dann mit weiteren Reizen reagiert. Das ist dann oft zu viel.

Sind die Drei-Monats-Koliken ein Grund?

Koliken spielen kaum eine Rolle. Wenn sie mitspielen, sind sie eher eine Folge als die Ursache des Schreiens. Die Ursache des Schreiens liegt in der Unreife des Gehirns und unserer viel zu schnelllebigen Zeit.

Was kann ich tun, wenn ich ein Schreikind habe?

a5bd18814bfb1094ac7adc4cddcd1bda
Patmos So beruhige ich mein Baby

Auch wenn es schwer fällt, das Wichtigste ist es, Ruhe zu bewahren, und dem Kind Sicherheit zu geben.

Sicherheit  gibst Du dadurch, dass Du die Impulse setzt, die Dein Baby aus der Schwangerschaft kennt.

Ansonsten möglichst wenige Strategiewechsel. Oft schafft man das allein nicht, dann muss man sich Hilfe holen.

 

Welche Art von Unterstützung bietest Du an?

Meine Unterstützung erfolgt in Form von Hausbesuchen. Geht das mal nicht, funktioniert auch eine telefonische Beratung. Ich begleite die Eltern in der Situation und erkläre, wie das Baby sein Schreien ankündigt und zeige, wie man es am besten zum Schlafen bekommt. Auch die Babymassage nach dem Konzept der DGBM e.V. spielt eine wichtige Rolle. Meine Vorgehensweise ist absolut lösungs- und bindungsorientiert. Das Konzept wurde eigenständig von mir entwickelt und ist sehr erfolgreich.

Wie kann ich mein Kind beruhigen, wenn es eine Schreiattacke hat?

In einer Schreiattacke ist jede Art von Aktionismus kontraproduktiv. Dein Baby ist überreizt und braucht nicht noch mehr Reize. Selbst ein Blickkontakt ist da manchmal zu viel. Gute Impulse sind eng halten und schaukeln.

Papa schläft mit Baby

Ist es für mein Kind (körperlich) gefährlich, wenn es die ganze Zeit schreit?

Ich bin oft beeindruckt, wie viele Monate manche Kinder das Schreien und den Schlafmangel durchgehalten haben. Natürlich gibt es durch monatelanges Schreien auch körperliche Beeinträchtigungen, diese regenerieren sich aber nach einer erfolgreichen Beratung. In der Akutphase des Schreiens sind mir keine Folgeschäden bekannt.

Auf keinen Fall darf es zu einem Schütteln Deines Babys durch Dich  oder Bezugsperson kommen, diese Schäden sind irreversibel und enden mit dem  Tod oder einer schweren Behinderung.

Macht ein Besuch in der Schreiambulanz Sinn?

Ein Besuch in der Schreiambulanz kann sinnvoll sein. Leider gibt es da sehr große Qualitätsunterschiede. Nicht jeder, der dort sitzt, kann Dein Baby wirklich erklären. Das ist aber wichtig.

Auch wochenlange Wartezeiten auf einen Termin oder Fragebögen, die Du vorab ausfüllen musst, zeigen, dass das Problem des Schreibays in seiner Brisanz oft nicht wahrgenommen wird.

Was kann ich tun, wenn ich selbst erschöpft bin und merke,

wie ich durch das Schreien aggressiv werde?

Schreien ist kein Schicksal. Es ist wichtig, dass Du Dir Hilfe suchst und dabei nicht aufgibst.

Eine fachkundige Beratung führt zwar rasch zu einer Verbesserung, sie ist aber auch mit Arbeit verbunden.

Diese Arbeit hat aber ein in naher Zukunft erreichbares Ziel, sie ist nicht mehr von dem Gefühl der Ohnmacht begleitet.

In einer akuten Erschöpfungsphase solltest Du Dir Hilfe holen, im Notfall auch im Krankenhaus.

Aggressive Gedanken gegenüber Deinem Baby sind in dieser Situation normal, dürfen aber auf keinen Fall überhand gewinnen. Dann lieber auch mal den Raum verlassen.

5 Kommentare – Jetzt lesen
  1. Bin auch mit so einem Baby Zuhause weiß mir nicht wirklich zu helfen! Hebi, KA und Apotheker sagen alle was anderes! Und nu?!?

  2. Schöner Artikel.
    Unsere Kleine hat seit ihrer zweiten Lebenswoche extrem viel geschrien und hört praktisch bis heute nicht damit auf. Hilfe haben wir nie bekommen: nur den Spruch, dass sich das schon legt und das wird das und jenes mal ausprobieren sollen!
    Sie hatte ab und an Blähungen – aber wohl eher durch das Schreien. Sie hat von uns Bäuchleinsalbe und Körnerkissen bekommen. Niemals Medikamente.

    Im September haben wir endlich einen Termin in der Schreiambulanz. Ich kann es kaum erwarten. Mein Mann und ich sind total fertig, schlafen kaum noch und haben seit Ewigkeiten keine Zeit mehr für uns. Und ja, ich habe auch das Gefühl, damit ziemlich stehengelassen zu werden! Fast 3 Monate auf einen Termin warten müssen? Vorher einen Stapel Unterlagen ausfüllen und mitbringen müssen? Zusätzlich zu einer Überweisung des Kinderarztes?
    Wow! Danke!

    Und ja.
    Langsam macht es mich auch schon aggressiv und manchmal kann ich einfach nicht mehr und merke, wie ich nur noch schreie, dass ich mir wünschte, dass das Kind nie geboren worden wäre!
    Dabei liebe ich meine Tochter so abgöttisch und würde sie um nichts auf der Welt wieder hergeben wollen! Ich finde es nur immer so schrecklich, weil eigentlich sollte so etwas doch harmonisch und schön sein – bereichernd!

    All ihr verzweifelten Eltern – gebt nicht auf!
    Irgendwo dort draußen ist die Hilfe, die wir brauchen und dann können und dürfen wir alle – als Familie – die gemeinsame Zeit genießen. Immerhin werden die Süßen doch schon so zu schnell flügge genug.

    Danke für diesen Artikel!
    Und für eure Kommentare. Es macht immer Mut zu hören, dass man nicht alleine damit steht und es nichts damit zu tun hat, dass man ein/e schlechte/r Mutter oder Vater ist.

  3. Ja und dann heißt es immer “ manche Kinder sind halt so“… aber ICH musste mit diesem immerzu schreienden Kind wieder nach Hause, wo ich alleine mit einem schreienden und nicht schlafenden Kind war. DANKE ihr Experten!

  4. Ein toller Artikel. Leider beharren noch viel zu viele Leute auf einfache Blähungen und Ärzte klären nicht auf oder wissen es selbst nicht besser. Regelmäßig sehe ich ganz junge Babys, die bereits 3 verschiedene Medikamente gegen Blähungen verabreicht bekommen. Meine Erklärungsversuche das es vielleicht keine Bauchschmerzen sind, scheitern an der fest gebissenen Meinung, dass alle Babys Blähungen/3Monats Koliken haben und deshalb so viel brüllen. Ich habe meinem Baby diese Mittel verwehrt, es stattdessen nackt im Tragetuch getragen, endlich angefangen, nur noch auf mein Gefühl und mein Baby zu hören. Keine Windel mehr, stattdessen abhalten, Kommunikation betreiben. Familienbett und wirklich viel viel Körperkontakt. Ich wurde viel belächelt, als „Öko“ betitelt, wie eine Spinnerin behandelt und jetzt, einige Monate später sind plötzlich alle erstaunt, dass mein Baby nie schreit, (ihre trotz Medikamente aber immer noch) wir so gut kommunizieren und alles so harmonisch ist, ohne Zäpfchen, Tropfen und Kügelchen. Wir modernen Menschen, verlernen auf unsere eigenen Babys zu hören und das wird noch fatale Folgen haben! Sollten wir uns doch mal ein Beispiel an den Naturvölkern und unseren tierischen Vorfahren nehmen…

  5. Ist ja alles schön und gut … Aber es wär auch sinnvoll (meiner Ansicht nach) das Kinderärzte diese verzweifelten Eltern auch auf diese Hilfen hinweisen MÜSSEN … Unser KiArzt meinte nur: Schreien lassen! Klar er muss das ja auch nich 24Std., 7Tage die Woche „ertragen“. Und ich hatte mit einem Schreibaby KEINE Zeit stundenlang im Internet nach Hilfe zu suchen. Mein Mann und ich mussten uns selbst helfen. Das mein Kind keinen Schaden vom Schreien genommen hat … kann ich so auch stehenlassen.