Pränatale Diagnostik: Das Für und Wider bei der Früherkennung von Krankheiten während der Schwangerschaft

Katharina

Dank der ständigen Weiterentwicklung medizinischer Untersuchungsmöglichkeiten bei Schwangeren sind Ärzte immer früher in der Lage, eine mögliche Erkrankung bei ungeborenen Babys festzustellen. Was spricht für, was gegen die pränatale Diagnostik?

Pränatale Diagnostik: Was genau ist gemeint?

Von pränataler Diagnostik spricht man bei vorgeburtlichen Untersuchungen während der Schwangerschaft mit denen gezielt versucht wird, Krankheiten und Fehlbildungen des Ungeborenen bereits im Mutterleib zu erkennen. Man unterscheidet zwischen den so genannten nicht-invasiven und invasiven Untersuchungen. Bei den nicht-invasiven Methoden wird nicht unmittelbar in den Körper der Frau eingegriffen. Diese Art von Untersuchungen stellt damit auch kein Gefahr für das Baby dar. Bei invasiven Methoden hingegen wird direkt in den Lebensraum des Ungeborenen eingegriffen, was das Risiko natürlich erhöht.

Beispiele für nicht-invasive Untersuchungen

I1Ur4Tvegd5xY9RbVACmtGqDN7YcvCLcnu0TxQ29pIQIn diesen Bereich fallen zum einen risikolose Ultraschall-Untersuchungen wie die zur Nackenfaltenmessung. Diese kann zwischen der 11. und 14. SSW vorgenommen werden. Denn genau in diesem Stadium entwickelt sich beim Baby eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Wasseransammlung im Nackenbereich. Nach Vermessungen kann der Arzt die Wahrscheinlichkeit eines möglichen genetischen Defekts errechnen, unter anderem Trisomie 21. Man sollte jedoch wissen, dass die Ergebnisse keine hundertprozentige Gewissheit liefern können. Ein Baby kann trotz unauffälliger Nackenfaltenmessung mit dem Down-Syndrom zur Welt kommen. Und andererseits kommt es auch vor, dass trotz erhöhter Werte das Kind eigentlich völlig gesund ist. Die Nackenfaltenmessung und der sogenannte Triple-Test werden zusammen als Erst-Trimester-Screening bezeichnet. Beim Triple-Test handelt es sich um einen zusätzlichen Bluttest bei der Mutter. Das Blut wird auf vom Kind stammende Eiweißstoffe untersucht (Alpha-Fetoprotein, Östriol, HCG). Doch auch hier erfolgt keine Diagnose im eigentlichen Sinne, sondern lediglich die Ermittlung einer Wahrscheinlichkeit für eine mögliche Chromosomenabweichung.

Beispiele für invasive Untersuchungen

Durch den direkten Eingriff in den Lebensraum des Kindes steigt bei invasiven Untersuchungen das Risiko für eine Fehlgeburt. Andererseits ermöglichen sie eine genauere Diagnose. Hier geht es unter anderem um die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese), die ab der 14. SSW durchgeführt werden kann. Dabei wird Fruchtwasser entnommen, indem eine Hohlnadel durch die Bauchdecke der Mutter in die Fruchtblase eingeführt wird. Die darin enthaltenen abgelösten Zellen des Babys können daraufhin untersucht werden. Bei der Nabelschnurpunktion (Chordozentese) wird auf die gleiche Art und Weise Blut aus der Nabelschnur entnommen. Sämtliche Tests der pränatalen Diagnostik werden meist nicht automatisch von den Versicherungen getragen und müssen daher selbst bezahlt werden, solange kein konkreter Verdacht besteht. Doch der Gynäkologe kann auf Wunsch der Patientin eine Überweisung für derartige Untersuchungen erstellen, wenn die Schwangere über 35 Jahre alt ist, in früheren Schwangerschaften Risiken auftraten, innerhalb der Familie Chromosomenstörungen oder Erbkrankheiten vorliegen oder das Ergebnis einer vorhergegangenen Nackenfaltenmessung auffällig war. In diesem Fall übernimmt auch die Krankenkasse die Kosten.

Wichtige Überlegungen vor einer Entscheidung

pG_C_5qNz2-MGB3ajeCZU_CX207EN1wIYO2r-wUr5Q0,GSuGqA_q7c63aFevNV-lkAV__QY_RPT3o_-piBAnPuQ,dTtmDB8WBUtkGQe1uR4lRKNbdfhF-PrlcrSmM39Xrb4Bevor man sich zu einer Untersuchung aus dem Bereich der pränatalen Diagnostik entscheidet, sei sie nun invasiv oder nicht-invasiv, ist das Wichtigste, dass man sich genug Zeit zum Überlegen nimmt. Denn eine zu schnell getroffene Entscheidung könnte man im Nachhinein umso länger bereuen.  

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Man sollte sich zunächst darüber Gedanken machen, ob wirklich ernstzunehmende Risikofaktoren gegeben sind, die eine spezielle Untersuchung erfordern. Außerdem ist es gut, wenn man sich über seine Einstellung zu Behinderungen im Allgemeinen klar wird. Kann ich mir vorstellen für ein krankes oder behindertes Kind zu sorgen? Man sollte sich also auf jeden Fall gewisse ,,Was wäre, wenn…?“-Szenarios vorstellen. Was würde sich in unserem Leben ändern, wenn unser Kind behindert oder krank zur Welt kommen würde? Bin ich in der Lage und gewillt, diese Situation zu tragen? Bin ich auch bereits während der Schwangerschaft belastbar genug, um mit einem solchen Testergebnis zurechtzukommen? Wahrscheinlich ist es hilfreich, sich auch mit Erfahrungen anderer mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In ihrem Buch ,,Außergewöhnlich“ hat zum Beispiel Conny Wenk verschiedene persönliche Erfahrungen von Müttern mit dem Thema Down-Syndrom gesammelt.

Sich Hilfe suchen

hDk_tTNoAMhriezlxoBg-CqPLXuBVu00HSLGG0-CW9INatürlich sollte man vor allem auch mit seinem Partner über seine und die eigenen Gefühle reden und dabei vollkommen aufrichtig sein. Über all den Überlegungen steht nämlich die Frage: Wäre ein Schwangerschaftsabbruch für uns eine Option? Man sieht, dass sich werdenden Eltern in Sachen pränatale Diagnostik Fragen über Fragen stellen, die eigentlich nicht vermeidbar sind. Manchmal hilft es, seine Gedanken aufzuschreiben und zu ordnen. Das ist in Form eines Schwangerschaftstagebuchs gut möglich. Man sollte sich außerdem nicht scheuen, eine objektive dritte Meinung und Beratung einzuholen. Deutschlandweit gibt es zahlreiche Beratungsstellen, deren Mitarbeiter vielseitige Erfahrungen mit diesem Thema gesammelt haben und beratend zur Seite stehen.

Pro-Argumente

Für die pränatale Diagnostik spricht natürlich, dass Eltern hiernach Klarheit haben. Besonders, wenn eine Vorbelastung in der Familie vorhanden ist oder bestimmte andere Risikofaktoren erhöht sind, kann die Ungewissheit während der Schwangerschaft zu einer großen Belastung werden. Wer weiß, dass er ein krankes oder behindertes Kind erwartet und sich dazu entschließt es zu behalten, hat länger Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen und sich entsprechend Beratung zu suchen. Auch die Geburt kann besser geplant werden. Unter Umständen sind ein Kaiserschnitt sowie die Entbindung in einer speziellen Geburtsklinik das Beste für das Kind. Andererseits ermöglicht die pränatale Diagnostik auch ein Stück weit Selbstbestimmung. Kann oder will ich vielleicht gar nicht für ein krankes oder behindertes Kind sorgen? Schließlich bedeutet dies eine große Veränderung, die oft nicht den ursprünglichen Wünschen und Plänen entspricht. Oder möchte ich meinem Kind das Leben mit einer starken Einschränkung und eventuell lebenslang starken Schmerzen aus Liebe ersparen? Denn die pränatale Diagnostik bietet für viele Eltern eben nicht nur die Möglichkeit, sich besser auf die kommende Situation vorzubereiten, sondern sich im Zweifelsfall ebenso für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden zu können.

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Kontra-Argumente

Gegen derartige Untersuchungen spricht im Prinzip ziemlich deutlich die Statistik. Denn durchschnittlich kommen 97 % aller Babys gesund zur Welt. Die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik üben sicher Druck aus und schüren schon während der Schwangerschaft gewisse Ängste. Außerdem gibt es bei keiner der invasiven oder nicht-invasiven Methoden wirklich absolute Gewissheit. Die Sorgen nach einem Test könnten also durchaus unbegründet sein. Man sollte sich außerdem vor Augen führen, dass es nur in seltenen Fällen Therapiemöglichkeiten direkt nach der Geburt gibt, in noch selteneren Fällen bereits vor der Geburt. Das ist ein starkes Gegenargument. Man sollte vor allem nicht außer Acht lassen, dass bei invasiven Untersuchungsmethoden durchaus die Möglichkeit besteht, sein gesundes Kind zu verlieren. Man sollte sich wirklich sicher sein, ob es einem dieses Risiko wert ist. Zahlreiche Eltern, die sich für oder gegen pränatale Untersuchungen entscheiden, geraten in einen starken Gewissenskonflikt. Mit den wachsenden Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik steigt auch der Druck auf die Eltern. Denn Behinderung wird plötzlich als vermeidbar angesehen. Bei einem Risiko soll sogar gehandelt werden, um Behinderungen gänzlich zu vermeiden. Doch ist ein Leben mit Behinderung automatisch nicht lebenswert? Frauen, bei denen ein Abbruch vorgenommen wurde, bereuen es außerdem oftmals später, quälen sich ein Leben lang mit einem schlechten Gewissen und machen sich selbst Vorwürfe. Psychische Langzeitfolgen können niemals ausgeschlossen werden.

Eine ganz persönliche Entscheidung

Bei all den Argumenten, die für und auch gegen Untersuchungen aus dem Bereich der pränatalen Diagnostik sprechen, steht eines fest: Die Entscheidung sollte jeder für sich persönlich treffen. Schließlich geht es auch um das eigene Kind und das eigene Leben. Und egal, welche Entscheidung werdende Eltern im Endeffekt treffen: Im Grunde genommen hat keiner das Recht dazu, sie dafür zu verurteilen.