Profitipps zum Thema Kindersitz – Ein Interview mit Christian Danner

Natalie Bolte

Speziell beim Thema Kindersitz kommt man schnell ins Schleudern: i-Size, Reboarder, Isofix, Prüfnorm ECE R44/04 u. v. m. Wir haben jetzt mal jemanden gefragt, der sich wirklich auskennt und dem Sicherheit im Straßenverkehr ein echtes Anliegen ist: Christian Danner.

Wir von miBaby freuen uns sehr, dass wir einen so versierten Interviewpartner für dieses wichtige Thema gewinnen konnten. Christian Danner ist den meisten nicht nur als erfolgreicher Rennfahrer ein Begriff, sondern auch als Formel-1-Kommentator und als Experte für vielerlei Sachthemen rund um die Themen Verkehr und Verkehrssicherheit.

Seit Kurzem unterstützt er als Schirmherr auch die Initiative „Kleine Helden leben sicher“, die über Kindersicherheit im Auto informiert.“

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miBaby: Herr Danner, wie ist Ihre Meinung zu der sog. „i-Size“ Verordnung (ECE-R 129 Norm)?

Christian Danner: Ich finde i-Size eine sehr gute neue Entwicklung, die die Sicherheitsstandards für Kinder verbessert. i-Size schreibt den rückwärtsgerichteten Transport von Kindern bis 15 Monate verpflichtend vor. Dies halte ich für besonders wichtig, da ein rückwärtsgerichteter Transport für Kinder die sicherste Option ist.

Außerdem fördert i-Size die Verwendung von ISOFIX, um mögliche Einbaufehler zu reduzieren. Besonders Fehler bei der Installation und Handhabung von Kindersitzen führen im Falle eines Unfalls zu Verletzungen bei Kindern. i-Size setzt hier an und trägt dazu bei, dass das Fahren für die Kleinsten besonders sicher wird.

Baby im Teddyanzug

 

 

miBaby: Was raten Sie Eltern, die aus finanziellen Gründen auf den Kauf eines gebrauchten Sitzes angewiesen sind?

Christian Danner: Grundsätzlich rate ich davon ab, gebrauchte Sitze zu verwenden, da sie oft nicht mehr den neusten Sicherheitsbestimmungen entsprechen und man auch nicht immer die Geschichte des Sitzes kennt.

Wenn allerdings doch gespart werden muss, sollten Eltern darauf achten, dass der Sitz nach der Prüfnorm ECE R44/04 oder R44/03 zugelassen ist. Sitze mit der Norm ECE R44/02 oder R44/01 dürfen nicht mehr verwendet werden.

Vor dem Kauf sollte außerdem die Funktionalität geprüft und kontrolliert werden, ob alle Teile am Sitz vollständig sind. Dies kann man auch an Stützpunkten der Autofahrerclubs durch geschulte Mitarbeiter tun. Und nicht zuletzt: Lassen Sie Ihr Kind den Sitz Probe sitzen!

miBaby: Derzeit findet eine rege Diskussion darüber statt, ob es gefährlich ist, Kinder mit dicker Winterjacke im Kindersitz anzuschnallen? Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Christian Danner: Ich bin auch dafür, dicke Winterjacken im Auto auszuziehen. Gerade im Winter trägt man oft Daunenjacken, und da die Gurte bei einem Kind wirklich eng am Körper anliegen müssen, kann es passieren, dass durch dicke Kleidung die Gurte zu lose werden. Bei einem Unfall ist man dann nicht sicher geschützt. Auch wenn es im ersten Augenblick unangenehm ist, die Jacken im kalten Auto auszuziehen – Sicherheit geht vor! Empfehlenswert sind eng anliegende Fleece-Overalls. Hier gibt es einen Überblick über die besten Produkte von miBaby.

 

miBaby:  Welchen Tipp oder Trick zum Thema Sicherheit im Auto können Sie unseren Eltern aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus geben?

Christian Danner: Meiner Erfahrung als Fahrsicherheitstrainer nach passieren die häufigsten Fehler aus Leichtfertigkeit.

Die meisten Autofahrer sind der Meinung, dass schlimme Unfälle anderen passieren, aber nie ihnen selbst. Deswegen mein Appell an alle Eltern: Seien Sie sich bei jeder Fahrt über Ihr Handeln bewusst.

Wenn es um Kindersicherheit geht, passieren viele Fehler bei der Installation und Handhabung der Sitze. Verfügt das Auto über das Befestigungssystem ISOFIX, dann bitte unbedingt verwenden. Ich nutze selbst auch ISOFIX bei den Kindersitzen meiner Kinder. Es erleichtert die Installation und reduziert mögliche Fehler.

Und dann müssen die Gurte straff am Körper sitzen und richtig positioniert sein. Nicht mehr als zwei Finger dürfen zwischen Gurt und Brustkorb passen, und achten Sie darauf, dass die Gurte richtig liegen – beispielsweise auf der Hüfte statt auf dem Bauch.

 

miBaby: Wie erklären Sie sich, dass heute kaum noch jemand einen Gedanken beim Anlegen des Sicherheitsgurtes verschwendet, während zu beobachten ist, dass Kinder tendenziell weniger im Auto gesichert werden?

Christian Danner: Dies ist einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, die Initiative „Kleine Helden leben sicher“ zu unterstützen.

Bei der Formel1 ist jedem klar, warum Sicherheit oberste Priorität hat. Im normalen Straßenverkehr sind sich viele nicht darüber bewusst, wie wichtig das richtige Verhalten ist. „Ich fahre nur schnell zum Bäcker und hole Semmeln, da brauche ich oder mein Kind keinen Gurt anzulegen“ – so eine Einstellung kann aber tragisch enden. Zudem hat sich die Sicherheit von Autos in den letzten 20 bis 25 Jahren so verbessert, dass sich viele im Auto einfach zu sicher fühlen.

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„Und hier liegt die Herausforderung: Eltern bewusst zu machen, ich bin verantwortlich für mein Kind. Und diese Verantwortung beginnt bei der richtigen Sicherung im Auto.“

miBaby: Viele Eltern wechseln zu früh von der Babyschale in den nächst grösseren Sitz. Gefährlich wird dies, wenn zwar das erforderliche Gewicht beim Kind vorhanden ist, aber die nötige Größe fehlt. Geht hier nicht Sicherheit vor Komfort?

Christian Danner: Nach der laufenden ECE R 44/04 Norm entscheidet noch das Gewicht und die Größe des Kindes über den richtigen Sitz. Kinder bis 9 kg müssen rückwärtsgerichtet transportiert werden.

Dies ändert sich allerdings mit i-Size: Hier entscheidet die Größe und das Alter des Kindes über die richtige Sitzgruppe.

Eltern sollten ihre Kinder so lange wie möglich in der Babyschale lassen, im Idealfall bis zu 15 Monate.

Mein Tipp: Das Kind ist erst zu groß für die Babyschale, wenn der Kopf über den Rand der Babyschale herausragt. Wenn die Beine aus der Schale überstehen, ist das noch kein Anzeichen dafür, dass die Babyschale zu klein geworden ist.

Ein zu früher Wechsel kann wirklich gefährlich für Kinder sein und daher stimme ich Ihnen zu – Sicherheit geht vor Komfort!

Baby schläft im Kindersitz

miBaby: Testergebnis ist nicht gleich Testergebnis, denn zum Schluß steht leider nur die Endnote. Beispielsweise ist ein Kindersitz mit aufwändigem Einbau, aber sehr guter Sicherheit gleichbewertet mit einem Kindersitz, der Sicherheitsmängel hat, aber schnell mittels ISOFIX eingebaut ist. Was ist von solchen Testergebnissen zu halten?

Christian Danner: Dies ist zurzeit ein aktuelles Thema, da jeden Frühjahr und Herbst neue Testergebnisse zu Kindersitzen erscheinen.

Es ist natürlich gut, überhaupt Konsumententests zu haben, die uns zeigen, wie verschiedene Produkte abschneiden. Ich persönlich finde es schwierig, sich nur auf ein Testergebnis zu verlassen.

Beispielsweise schneiden Sitze mit Fangkörpern in den Tests vom ADAC und von der Stiftung Warentest oftmals sehr gut ab.

Aus meiner Erfahrung aus der Formel 1 zweifle ich allerdings, dass diese Systeme einen Überschlag gut überstehen. Rennfahrer werden mit sechs Gurten gesichert, und da ist nie die Rede von Fangkörpern, weil wir wissen, dass Gurte sicherer sind. Daher denke ich, dass ein Gurtsystem mit mehreren Angelpunkten die sicherste Option ist, da die einwirkenden Kräfte auf die stärkeren Knochen des Kindes verteilt werden. Das sind beispielsweise Sitze mit integriertem 5-Punkt-Gurten.

Ich empfehle Eltern daher, sich die Ergebnisse solcher Tests genauer anzuschauen und nicht nur nach der Endnote zu entscheiden. Außerdem sollten sie Informationen von verschiedenen Quellen suchen.

 

miBaby: Obwohl ich mein Fahrzeug alle zwei Jahre beim TÜV vorgestellen muss, habe ich noch nie gesehen, dass auch die Kindersitze im Fond überprüft werden. Wie kann das sein?

Es gibt die Möglichkeit, seine gebrauchten Kindersitze bei Automobilclubs testen zu lassen. Eine verpflichtende Prüfung, wie dies der TÜV beim Auto ist, gibt es allerdings nicht. Klar, dies ist eine Sicherheitslücke. Deswegen bin ich der Meinung, man sollte lieber keine gebrauchten oder alten Sitze verwenden, weil sie häufig nicht den neuesten Standards entsprechen.

miBaby: Die Kindersitzpflicht gilt bis 12 Jahre oder 150 cm Körpergröße. Finden Sie diese Einteilung angemessen?

Christian Danner: Ich denke, dass diese Einteilung generell angemessen ist, da die Knochen und Muskulatur in diesem Alter bzw. bei der Größe soweit ausgebildet sind, dass ein normaler Fahrzeuggurt ausreichen sollte.

Wichtig ist, dass das Kind groß genug ist, damit der Gurt richtig positioniert ist. Bei einem sehr kleinen Kind könnte der Gurt allerdings auf dem Bauch statt der Hüfte oder am Hals statt an den Schultern liegen und dann schwere innere Verletzungen im Falle eines Unfalls verursachen.

kleiner Autofahrer

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Herrn Danner für dieses offene und informative Interview !!