Spielend Lernen #12: Das große Krabbeln beginnt

Natalie Bolte

Insbesondere bei der motorischen Entwicklung treten die größten Unterschiede unter heranwachsenden Kindern auf. Welche Fähigkeiten Dein Schatz in der aktuellen Entwicklungsphase erlernt, was sich dabei im Körper abspielt und auf was du unbedingt dabei achten solltest, erfährst Du in unserer heutigen Ausgabe von Spielend Lernen.

 

Die kostbare Vase auf dem Wohnzimmertisch oder das teure Tablet auf der Couch: Vor Deinem kleinen Wonneproppen ist bald nichts mehr sicher! Denn mit nun 10 Monaten und 1 Woche will Dein kleiner Schatz die große Welt entdecken. Auf der einen Seite freust Du Dich darüber und auf der anderen Seite bist Du vielleicht auch etwas wehmütig, wie schnell die Zeit vergeht. Gerade eben ist Dein Baby doch erst auf die Welt gekommen – ein kleines hilfloses „Würmchen“. In noch nicht einmal einem Jahr ist es zu einer eigenständigen kleinen Persönlichkeit herangewachsen, die sich mit großen Schritten einem Meilenstein nähert, der den Menschen auszeichnet: Die Möglichkeit, sich aufrecht fortzubewegen. Doch keine Angst, wir sagen Dir worauf Du in dieser Entwicklungsphase achten solltest.

Krabbeln – Dein Baby beginnt seine Umwelt zu erforschen

 

Baby krabbelnd von Seite (1)So wie das Greifen, Drehen und auch bald das Laufen, gehört die Fortbewegung auf allen vier Körperteilen zu einer gesunden Entwicklung eines Kindes dazu. Wenn Babys anfangen zu krabbeln, dann lernen sie natürlich nicht nur sich selbstständig fortzubewegen. Beim Krabbeln trainieren sie ihre Motorik und Muskeln, erweitern ständig ihren Horizont und aktivieren so ihren Tastsinn und ihre Kreativität. Physisch gesehen werden beim Krabbeln vielerlei motorischen Abläufe aktiviert. Die Brustwirbelsäule richtet sich auf, das Gleichgewicht, die Körperspannung und die Fähigkeit zu fallen und sich dabei wieder aufzufangen werden beansprucht und trainiert. Diese Fähigkeiten benötigt Dein kleiner Schatz für einen der größten Entwicklungsschritte in seinem noch kurzen Leben: die ersten eigenständigen Gehversuche. Bis dahin nimmt jedoch das Krabbeln Dein Kind in Beschlag und beansprucht eine solchen Großteil seiner Gehirnaktivitäten, dass es in seiner übrigen Entwicklung kaum Fortschritte macht. Krabbelt Dein Baby, so werden die rechte und linke Gehirnhälfte miteinander „vernetzt“. Es bilden sich Querverbindungen, die die sogenannten Überkreuzbewegungen beim Krabbeln (Arm und Bein werden jeweils diagonal bewegt) möglich machen. Dadurch werden beide Gehirnhälften miteinander verknüpft und die Aktivitäten im Denkapparat Deines Kleinen verstärkt. Durch  Diese Querverbindungen sind später für die kognitiven Fähigkeiten und die Gehirnleistungen entscheidend. So z.B. für die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben oder auch zum Rechnen. Krabbelt ein Baby noch nicht, hat es diese Kreuzbewegung noch nicht ausbilden und automatisieren können. Mach Dir aber deswegen keine Sorgen und lass Deinem Baby Zeit: Die motorische Entwicklung und ihr zeitlicher Verlauf weist die größten Unterschiede bei der frühkindlichen Entwicklung auf. Manche Kinder sind schneller, manche langsamer. Dein Baby kommt somit ein bisschen länger in den Genuss herumgetragen zu werden.

Wusstest Du schon, dass …

Symbol_Wusstest Du

… die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler in ihren Studien zur kindlichen Bewegungsentwicklung nachweisen konnte, dass jedes Kind krabbelt – solange es nicht vorzeitig von Erwachsenen hingesetzt wurde. Werden Kinder zu früh hingesetzt, d.h. bevor sie selbst sich in eine sitzende Position bewegen können, führt das oftmals dazu, dass die normale Bewegungsentwicklung unterbrochen wird. Einige normale Bewegungsabläufe können hierdurch ausfallen. 

Quelle & Buchtipp: Emmi Pikler (2001): Lasst mir Zeit. Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. 

Fortbewegung – Ein mühsamer Weg für Dein Baby

 

Baby girl on her stomachBevor Dein Baby krabbeln kann, übt es erst einmal das Wippen und Schaukeln im Vierfüßlerstand. Für Dich sieht das bestimmt lustig aus, für Dein Baby ist es aber harte Arbeit. Zuerst zieht Dein Kleines in Bauchlage seine Beinchen unter den Körper und stütz sich auf seinen Arme auf. Schon alleine diese Position einzunehmen verlangt Deinem Baby am Anfang alles ab. Ist es dann im Vierfüßlerstand sicher angekommen, fängt es an zu wippen: vor und zurück. Auch das Wippen wird eine ganze Zeit lang geübt. Zuerst müssen sich die zuständigen Muskeln ausbilden, um in dieser Stellung verharren zu können. Ist das geschafft, wird Dein Schatz loslegen wollen. Was aber bei den meisten Babys passiert: Sie krabbeln rückwärts! Viele Babys sind dann wütend und frustriert, aber schon bald wird es in die richtige Richtung gehen und Dein Baby genießt seine hart errungene Freiheit. Dein Baby krabbelt noch nicht? Kein Problem! Bestimmt hat es eine andere Methode gefunden, um sich fortzubewegen. Egal ob robben, rückwärts rutschen oder rollen – viele Wege führen zum Objekt der Begierde und später zum Laufen. Also keine Sorge, wenn die motorische Entwicklung langsam verläuft oder für Dich ungewöhnliche Wege geht. Dadurch bekommst Du noch ein bisschen mehr Zeit, um alles was wertvoll ist in Sicherheit zu bringen.  

Ich bin dann mal weg

 

Baby sitzt im KofferWenn Dein kleiner Liebling mit zehn Monaten schon eigenständig sitzen kann, dann ist das eine große Errungenschaft. Denn dadurch sind ihm ganz neue Erfahrungen möglich: Es hat nun einen besseren Überblick über seine Umgebung und kann am Geschehen besser teilnehmen. Gleichzeitig hat das Baby seine Hände frei zum Spielen und Erforschen von Gegenständen. Auf dem Boden liegend benötigte es seine Händchen zum Abstützen in der Bauchlage.

Wenn Du Deinen kleinen Schatz zum Krabbeln animieren möchtest, dann geht das am besten, indem Du einfach mitkrabbelst. Entdecken zusammen mit Deinem Baby die neue Sicht auf die Welt und beschütze es gleichzeitig unauffällig vor den Gefahren, die ihm dabei begegnen können. Wenn Du Dich selbst auf alle Viere begibst, wird nicht nur Dein Baby aktiver. Du kannst gleichzeitig unmittelbar einschätzen, welche Gegenstände und Wohnungsabschnitte Du in der Krabbelphase Deines kleinen Schatzes besser absichern solltest. Nimmt Dein kleiner Entdecker die Treppe in Angriff, lass sie ihn in Deinem Beisein hochklettern. Denn Übung macht bekanntlich den Meister. Das Klettern ist nicht nur ein Heranführen an das Treppensteigen, es trainiert auch hervorragend die Muskulatur, die Ausdauer und die Koordination von Händen und Füßen Deines Babys. Wir empfehlen Treppen sicherheitshalber durch ein Gitter abzusperren, falls Du mal schnell den Raum verlassen musst und das Baby alleine im Wohnzimmer bleibt.

BabyfüsseDie Muskelkontrolle Deines kleinen Kraftpakets kann sich im 10. Monat so weit entwickeln, dass es sich an Möbeln eigenständig hochziehen kann. Zwar können die meisten Babys ihr Gleichgewicht noch nicht halten, doch dafür ist ihr Erfindergeist in einer gesunden Balance: Der Stuhl am Esstisch, der Wohnzimmertisch oder auch mal der Staubsauger werden einfach zur Stehhilfe umfunktioniert, um dem Erkundungsdrang Deines Kindes nachzugeben. Wunder Dich also nicht, wenn demnächst der Stuhl wie von Geisterhand durchs Wohnzimmer wandert. Das Hinsetzen möchte auch noch nicht so ganz klappen, wie bei den Großen. Doch wofür hat man denn eine weiche Windel an? Genau, um sanft auf dem Po zu landen. Dein Baby lernt nämlich erst später, sich kontrolliert hinzusetzen.

 

Hilfe, mein Baby mag nicht krabbeln!

 

BabymassageRuhig bleiben und tief durchatmen. Etwa 10 bis 15% aller Babys lassen die Krabbelphase aus. Das bedeutet nun aber nicht automatisch, dass Dein Kind später Probleme beim Lesen oder Schreiben haben muss. Wenn sich jedoch eine Kombination aus Lese-, Rechen- UND Rechtschreibschwäche feststellen lässt, KÖNNTE die übersprungene Krabbelphase als Grund in Frage kommen. Eine solche Entwicklungsabweichung kann z.B. durch eine gezielte Körpertherapie nach Bobath und Vojta behandelt werden. Bei dieser Therapieform wird versucht, sämtliche fehlenden Bausteine der menschlichen Aufrichtung und Fortbewegung für das Baby nachträglich zugänglich zu machen. Auch bei der Babymassage können durch sogenannte Abschlussgriffe z.B. die Überkreuzbewegungen und somit die Verknüpfung beider Gehirnhälften unterstützt werden.

Doch das sollte Dir keinen Grund zur Beunruhigung geben: Wie bereits erwähnt, tragen längst nicht alles Babys, welche das Krabbeln auslassen, entwicklungsphysiologische oder –psychologische Schäden davon. Beobachte die Entwicklung Deines kleinen Lieblings. Verläuft ansonsten alles normal, gibt es keinen Grund zur Sorge. Hast Du dennoch bedenken, dann kannst Du Euren Kinderarzt darauf ansprechen. Dieser wird Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Natürlich gibt es auch zum Thema „Krabbeln-müssen“ sehr viele unterschiedliche Meinungen. Du solltest aber wie immer daran denken, dass sich jedes Kind anders entwickelt und andere Vorlieben oder Begabungen mitbringt. Die „Spätzünder“ unter den Babys fangen erst mit über einem Jahr an zu krabbeln und erlernen mit 18 Monaten das Laufen. Dagegen können sich „Frühzünder“ schon mit 10 Monaten an Möbeln hochziehen und stehend daran entlang hangeln. Verrückt!

Aufforderung Mitmachen

Dein Baby gibt alles, um in den Vierfüßlerstand zu kommen oder es hat eine ganz andere Methode gefunden um vorwärts zu kommen? Wir wollen es sehen! Schicke uns Deine Bilder oder Deine Videos per miBaby-Bilderplattform und fülle unseren Kurzfragebogen aus! Wir freuen uns auf Deine Einsendungen!

Hinweise, die Du unbedingt beachten solltest

 

Sweet small babySind alle Steckdosen und Treppen abgesichert? Alle Stolperfallen und wertvollen Gegenstände aus dem Weg geräumt? Denn je mehr sich Dein Baby bewegen kann, desto größer wird auch sein Aktionsradius in Deiner Wohnung. Überprüfe daher die Kindersicherheit Deiner vier Wände! Giftige Pflanzen, Blumenerde, Gegenstände die so klein sind, dass sie in den Mund passen? Auch für Gegenstände auf dem Tisch ist Vorsicht geboten. Tischdecken verbannst Du am Besten komplett aus Deinem Haushalt. Und noch was: die kleinen Ärmchen Deines Babys sind in Wahrheit Teleskopstangen. Du glaubst uns nicht? Dann leg doch einfach mal sein Lieblingsspielzeug auf Deinen Couchtisch und beobachte was passiert.

In der jetzigen Entwicklungsphase empfiehlt es sich auch einmal die Hausapotheke zu überprüfen. Coolpacks, eine Salbe und/oder Globuli gegen Prellungen, Kinderpflaster, Wunddesinfektions-Spray (welches nicht brennt) und eine Wund- und Heilsalbe werden von nun an bestimmt öfters gebraucht. Bist Du Dir nicht sicher, was in eine Hausapotheke gehört, dann frag einfach in Deiner Apotheke nach. Bitte denke immer daran: auch die beste Mama der Welt kann ihr Kind nicht vor allen Gefahren schützen. Mal stößt sich Dein kleiner Entdecker beim Herumrollen den Kopf, dann wieder probiert er aus, ob man ein Fingerchen zwischen Tür und Angel schieben kann. Ein paar Beulen und Kratzer gehören schlichtweg zum Großwerden dazu.

Alles Wichtige im Überblick

  • Die Überkreuzbewegungen beim Krabbeln sind mitunter für die Synapsenbildung zuständig.
  • ca. 10-15 % der Babys lassen die Krabbelphase aus.
  • „Spätzünder“ gibt es immer – jedes Baby entwickelt sich in seinem Tempo
  • Bei eventuellen Abweichungen in der Entwicklung lieber kurz den Kinderarzt befragen, als sich lange verrückt machen.
  • ACHTUNG: Der kleine Wonneproppen kommt jetzt überall hin. Die Wohnung sollte spätestens jetzt kindersicher gemacht werden, das bedeutet auch, dass alle Kleinteile beiseite geräumt werden sollten.

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