Spielend Lernen #36: Schlau durch matschen

Nadine Bäsig

Du glaubst uns bestimmt immer noch nicht so richtig, dass es viele Vorteile hat, wenn Du Dein Kind mal ordentlich im Schlamm spielen lässt oder es mit der Natur in Berührung kommt. Das wollen wir im Wissensteil ändern und erklären Dir warum Matschen so wichtig für die Entwicklung Deines Kindes ist.

Matschen soll schlau machen?

kind matsch2Bevor wir Dir eine Antwort auf diese Frage geben, musst Du wissen, dass Wahrnehmung für Dein Kind der Zugang zur Welt ist. Babys und Kinder erobern die Welt mit allen Sinnen. Was das bedeutet? Sie lernen die Welt (be)greifen! In seinem noch jungen Leben hat Dein Kind bisher viele Gerüche, Geschmäcker, Klänge und Bilder kennengelernt, aber auch genauso viele unterschiedliche Materialien, Berührungen und Eindrücke „am eigenen Körper“ erfahren. So lernte es bereits die Schwerkraft oder Gefühlswelt kennen.

Die Welt (be)greifen!

Gerade durch das Greifen von Gegenständen entwickelt Dein kleiner Schatz Denkmuster, die es ihm später leichter machen, auch abstrakte Ideen, wie bspw. die Schwerkraft, zu verstehen. Lange bevor Dein Kind seine ersten Worte plappert, erforscht es seine Umgebung unermüdlich durch seinen Tastsinn. Noch ist es nicht lange her, dass sich die kleinen Fäustchen ständig in Deine herunterhängenden Haare krallten oder die eigenen Zehen betastet wurden. Mit Vorliebe wurde aber auch alles einfach in den Mund gesteckt. So schön und lustig diese haptischen Entdeckungstouren auch für dich erscheinen, für Dein Kind sind sie mehr als nur Spielerei. Denn die Wahrnehmung über den Tastsinn beeinflusst die Urteile von Menschen über ihre Umwelt und über andere Personen. Studien haben eindeutig bewiesen, dass Lernprozesse durch die Nutzung des Tastsinns unterstütz werden. Deshalb plädieren Experten dafür, das Sinnessystem mehr zu fordern – vor allem später in der Schule! Eine Vorreiterin in dieser Art der Pädagogik war Maria Montessori.

Warum ist matschen wichtig?

kind matsch3Die Haut ist das erste Sinnesorgan, das in der kindlichen Entwicklung voll funktionsfähig ist. So hilft das sogenannte „taktile System“ – das für den Tastsinn eines Menschen verantwortlich ist – dem Gehirn, alle anderen Sinnesreize in Beziehung zu setzen, zu organisieren und zu integrieren. Ohne ausreichende „berührende“ Stimulation des Körpers durch den Tastsinn, tendiert das Nervensystem dazu, aus dem Gleichgewicht zu kommen. Sehr oft beachten wir die ständig vorhandenen taktilen Informationen nicht, es sei denn, wir fühlen uns angenehm berührt oder gar nicht wohl in unserer Haut. Mit dem Matschen kannst Du Deinem Kind eine Möglichkeit bieten, sich besser wahrzunehmen und zu organisieren. 

Für Schlaumeier: Haptik und taktile Wahrnehmung

Haptik beschreibt alle Wahrnehmungen, die über den Tastsinn bei aktiver Bewegung des Körpers entstehen, z.B. ein vorsichtiges Berühren einer Blumenblüte. Taktile Wahrnehmung hingegen bezeichnet die passive Aufnahme von Umweltreizen, welche auf einen ruhenden Körper eintreffen. Man könnte auch sagen:
Taktil = berührt werden
Haptisch = etwas aktiv berühren
In der Haut der Lippen, Zunge, Fußsohlen und Fingerspitzen sind die sogenannten Mechanorezeptoren (Tastsinneszellen) am dichtesten vereint. Deshalb stecken auch die ganz Kleinen Gegenstände gerne in den Mund um es genauer zu untersuchen. Im Laufe der Zeit übernehmen immer mehr die Finger die Hauptrolle bei der haptischen Erkundung.

Sag Tschüss zu sauberen Klamotten!

Happy Muddy ChildWie die meisten Kinder liebt bestimmt auch Dein Kind es, zu matschen und zu kneten. Genau das solltest Du fördern, denn der Geist und der Körper integrieren dabei sensorische Reize, was gut für die kindliche Entwicklung Deines Kindes ist. Die Rezeptoren der Haut und Muskeln registrieren Temperatur und Feuchtigkeit des angefassten Materials sowie den Druck und Widerstand beim näheren Begutachten. Die Augen und Ohren sind im Dauereinsatz, genau so wie Arme und Finger. Hierbei werden sowohl die Fein- als auch die Grobmotorik Deines kleinen Abenteurers gefördert und die Fantasie arbeitet beim Sandburgbauen oder beim Plätzchen backen auf Hochtouren.

Wusstest Du schon, dass…

… die Haut unser größtes Sinnesorgan ist? Die Haut eines Erwachsenen ist bis zu 2 Quadratmeter groß. Die Haut schützt uns, wächst mit uns und sie kann sogar die Körpertemperatur regeln. Über viele Tausend Rezeptoren (Sinneszellen) spüren wir Berührungen, Druck, Vibrationen, empfinden Schmerz oder Temperaturen. Berührungen sind besonders wichtig. Bereits im Bauch konnte sich Dein Liebling selber spüren, wenn er beispielsweise am Daumen nuckelte.

Was hat matschen mit „Sauberwerden“ zu tun?

Baby mit gelbem Töpfchen_miniDein Kind durchläuft, laut Sigmund Freud (Psychoanalytiker), im Alter von 2 bis 3 Jahren die anale Phase. Du fragst Dich jetzt was diese Phase sein soll? Dabei bekommen die Körperteile die größte Aufmerksamkeit, welche für die Ausscheidungen zuständig sind. Das Loslassen und Zurückhalten von Exkrementen sind ein großer Lustfaktor und am Ende dieser Phase steht das „Sauberwerden“. Aber was hat nun „Sauberwerden“ mit Matschen zu tun? In dieser Phase ist auch das Matschen hilfreich. Da beim Matschen erlaubt wird, mit Materialien wie Wasser, Matsch, Sand, Kleister, Knete, Pappmaschee etc. zu spielen, bietet matschen Deinem Liebling ein wichtiges Erlebnis in seiner Entwicklung, ohne dass es in direkten Kontakt mit den körpereigenen Ausscheidungen kommt.

Eine Sauberkeitserziehung vor dieser Phase hätte keinen Sinn, da die entsprechenden Nervenleitbahnen zur bewussten Steuerung der Schließmuskeln noch nicht ganz ausgebildet sind. Vorab haben wir jedoch trotzdem einen Tipp für Dich zum Thema „Sauberwerden“: Je unkomplizierter Du mit dem Thema Ausscheidungen und dem Toilettengang umgehst, desto größer ist die Chance, dass das „Sauberwerden“ problemlos abläuft. Sofern es Dich nicht stört, lass Dein Kind mit zur Toilette gehen, damit es sieht, dass der Gang zur Toilette etwas ganz Normales ist.

Generell sollte auch das Wickeln unbedingt als positives Erlebnis, frei von Ekel sein. Wenn es irgendwie möglich ist, dann binde Deinen Schatz auch aktiv mit in das „Ereignis“ Wickeln ein. Zum Beispiel darf es Dir die Feuchttücher reichen oder die Windel nachher selber in den Müll werfen.

Matschen in der Wohnung?

Little girl playing in the sandpitZu aller erst denkst Du beim Wort Matschen an eine riesen Schweinerei! Das muss es aber nicht zwangsläufig sein. Natürlich ziehen vor allem Matschlöcher und Pfützen Kinder magisch an. Ihr könnt aber auch IN der Wohnung „matschen“. Wenn es z.B. im Winter zu kalt und zu ungemütlich ist, um sich stundenlang draußen aufzuhalten und die Matschenpampe im Sandkasten tiefgefroren ist, gibt es eine tolle Möglichkeit trotzdem mit „Sand“ zu spielen. Entweder Du kaufst Dir den tollen Zaubersand oder Du machst ihn ganz einfach selber. Was der Zaubersand ist und wie Du ihn selber herstellst, erfährst Du im Spieltipp-Teil dieser „Spielend Lernen“-Ausgabe.

play-dough-93165_640Auch mit Knete kann Dein Kind in der Wohnung herumexperimentieren und seinen Tastsinn erkunden. Im Gegensatz zu anderen Materialien benötigt Dein Schatz im Umgang mit Knete wenig Hilfestellung. Kneten kann Dein Kind alleine, mit Dir zusammen oder sogar mit Dir, Papa, Oma und Opa. Ein weiterer Vorteil ist, dass keine weiteren Materialien wie z.B. Kleber, Schere, Papier, etc. benötigt werden. Die Finger und die Knetmasse reichen aus, um sich ausdauernd zu beschäftigen.

Matschen MACHT schlau!

Dass matschen, kneten, backen oder sandeln nicht nur ein Zeitvertreib ist, das hast Du in den vorherigen Abschnitten bereits vermittelt bekommen. Welche Bereiche werden nun aber konkret angesprochen und gefördert? Eine ganze Menge, wie folgende Tabelle mit allen Bereichen anschaulich zeigt:

Matschen macht schlau

Aufforderung Mitmachen

Dein Schatz war draußen zum Spielen und ist nun dreckig vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen? Kneten oder mit Salzteig formen ist toll? Wir wollen Eure Schlammschlacht sehen! Schnapp Dir Deine Kamera und halte dieses Gesamtkunstwerk fest. Schick uns Deine Bilder oder sogar Dein Video und füll unseren Kurzfragebogen aus! Wir sind gespannt auf Dein Feedback!

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Wahrnehmung ist für Dein Kind der Schlüssel zur Welt; sie erobern die Welt mit allen Sinnen.
  • Durch das Greifen von Gegenständen bilden sich Denkmuster, die später dafür Zuständig sind, abstrakte Ideen zu verstehen.
  • Lernprozesse werden durch den Tastsinn unterstützt.
  • Beim Matschen lernt Dein Kind sich besser wahrzunehmen.
  • Beim Matschen und Kneten werden die sensorischen, feinmotorischen Fähigkeiten, Wahrnehmung, Kreativität, Fantasie und sogar die Sprache gefördert.
  • Matschen ist auch wichtig für die Sauberkeitserziehung, für die es aber bestimmte Voraussetzungen gibt und die erst während oder nach der analen Phase möglich ist.

SpielzeugtippButtonSpieltippbutton