Spielend Lernen #43: Gedächtnis

Nadine Bäsig

Hast Du Dich auch schon an Dinge erinnert, welche Deine Eltern nicht mehr wussten? Das kann gut sein! Wir klären Dich heute über das Gedächtnis Deines Kindes auf und zeigen Dir, ab wann Dein kleiner Einstein eigentlich anfängt sich an Dinge zu erinnern.

 Schon Babys trainieren ihr Gedächtnis

Baby mit rosa Wollmütze schläftBereits Babys zeigen Gedächtnisleistungen. So erkennt ein Neugeborenes den Herzschlag seiner Mama wieder, den es im Bauch gehört hat. Vom Tag der Geburt an, hat Dein Schatz Wissen über sich selbst und die Welt gesammelt und gespeichert – Dein Baby hat von der ersten Minute an gelernt. Allerdings kann hier von Erinnern im eigentlichen Sinn nicht gesprochen werden. Diese Leistungen ordnen Fachleute dem Begriff des sogenannten „prozeduralen Gedächtnis“ zu. Zum prozeduralen Gedächtnis zählen Fähigkeiten, Abläufe oder Fertigkeiten, welche automatisiert sind und ohne bewusstes Erinnern abgerufen werden. Dazu zählen später z.B. das Fahrradfahren oder Schwimmen. Das Gegenstück zum prozeduralen Gedächtnis nennen Wissenschaftler deklaratives Gedächtnis. Hierbei speichert Dein Kind sein Wissen über die Welt und auch Ereignisse ab, welche später als Erinnerungen abgerufen werden können.

Das Gehirn tickt erst anders

BrilleWarum erinnern wir uns meist nicht an Dinge aus unseren ersten drei Lebensjahren? Die Antwort ist ganz einfach: In den ersten 36 Monaten funktioniert das Gehirn anders und es möchte noch nicht so richtig mit dem „Abspeichern“ von Informationen und Eindrücken klappen. Jedes Gehirn muss erst reifen, sich entwickeln und vernetzen. Zu Beginn funktionierten nur einfache Areale, die direkt mit der Außenwelt verbunden sind. So konnte Dein Liebling hören oder sehen und hat gespürt, wenn Du ihn gestreichelt hast. Eine tiefere Verarbeitung, dass es beispielsweise über etwas nachdenkt oder assoziiert, fand jedoch noch nicht statt. Hierzu war die Vernetzung von einzelnen Gehirn- und Nervenregionen noch nicht fortgeschritten genug. Eine wichtig Rolle bei dieser Entwicklung spielt vor allem die Verknüpfung zwischen Hippocampus (ist ein Bestandteil des Gehirns und fungiert als „Schaltstation“ des limbischen Systems, das für Gefühle verantwortlich ist) und Gehirnrinde, welche sich erst im Lauf der Zeit entwickelt.

So entwickelt sich das Gedächtnis

WinkNachdem Du diesen Abschnitt gelesen hast, kannst Du bei all Deinen Freunden klugscheißen –versprochen! 😉 Bereits in der dritten Woche nach der Empfängnis faltet sich die dünne Zellschicht des Ektoderms einwärts zu einem flüssigkeitsgefüllten Zylinder, dem sogenannten Neuralrohr und verschließt diesen etwas später. Das Neuralrohr entwickelt sich im Laufe der Zeit zu Gehirn und Rückenmark. Ist es zur Zusammensetzung der ersten Gehirnzellen gekommen, kann Dein Kind im Mutterleib sehr schnell Informationen aufnehmen und verarbeitet. Wie das geht? Bereits in der 19. Schwangerschaftswoche hat Dein Kleines auf Schmerz reagiert, ab der 26. Woche konnte es hören, ab der 29. Woche schmecken und ab der 32. Woche sehen. Ab der 35. Woche konnte Dein ungeborener Einstein Deine Stimme und Deine Sprache wahrnehmen.

Bei der Geburt enthielt das Gehirn Deines Babys rund 100 Milliarden Neuronen – das ist die gleiche Anzahl, wie die eines Erwachsenen. Die Nervenzellen Deines Neugeborenen waren jedoch noch nicht voll ausgebildet und noch sehr wenig vernetzt. Bedingt durch die Unmengen von Wahrnehmungen und Erfahrungen nimmt die Zahl der Verknüpfungen (Synapsen) in den ersten drei Lebensjahren rasant zu.  Mit knapp zwei Jahren steigt die Menge der Synapsen auf die eines Erwachsenen und mit drei Jahren hat ein Kind mit 200 Billionen Synapsen bereits doppelt so viele. Dein Kind war also klüger als Du? Nein, vorerst nur aktiver. So ist das Gehirn eines dreijährigen Kindes mehr als doppelt so aktiv wie das eines Erwachsenen. Die bis zum dritten Lebensjahr erreichte Anzahl von Synapsen bleibt bis etwa zum zehnten Lebensjahr relativ konstant. Bis zum Jugendalter wird dann rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typisch Anzahl von 100 Billionen erreicht wird. Faszinierend, oder?

Wusstest Du schon, dass…

 … Ereignisse stärker in Erinnerung bleiben, wenn sie danach sprachlich vermittelt werden? Das ergaben interkulturelle Untersuchungen: So stellten Forscher fest, dass sich ­Europäer besser an frühere Kindheitsereignisse erinnern als ­Asiaten. Als Grund vermuten die Wissenschaftler, dass in westlichen Kulturen das Sprechen über die eigene Geschichte ausgeprägter ist, da hier der Einzelne stärker im Mittelpunkt steht.

Remember me

Du wirst Dich sicherlich schon mal gefragt haben, ob sich Dein Kleines an die schönen ersten Momente erinnern wird? Wenn Du mal genauer über die Frage nachdenkst, kommst Du der Antwort vielleicht selber auf die Spur: Ab wann kannst Du Dich an Deine Kindheit erinnern? Was fällt Dir selber ein? Die meisten Erwachsenen erzählen von einem Ereignis im Alter von etwa drei Jahren – eher sogar noch etwas später. Bis zum sechsten Lebensjahr sind die Erinnerungen meist sehr bruchstückhaft. Erst mit Eintritt in die Schule haben Kinder eine beständigere Vorstellung von ihrer Vergangenheit. Eine Studie legt die Vermutung nahe, dass Kinder frühestens mit 18 Monaten fähig sind, sich an Erlebtes zu erinnern. Die Erinnerungen an die ersten gemeinsamen Momente wirst Du Deinem kleinen Schatz daher erzählen müssen.

Voraussetzungen für das Erinnern

baby_denken5Wissenschaftler gehen davon aus, dass drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit man sich später an bestimmte Ereignisse erinnern kann:

  1. Die Sprache: Erst wenn Dein Kind seine Muttersprache beherrscht, beginnt das autobiografische Gedächtnis, welches die persönlichen Erlebnisse speichert, zu funktionieren. Was das konkret bedeutet: Erlebnisse, die Dein Kind noch nicht in Worte fassen kann, kann es später auch nicht in seiner Erinnerung abrufen.
  2. Die Hirnreifung: Erst in der Pubertät ist das Gehirn so weit ausgebildet, dass die Bedingungen zum Abspeichern von Erinnerungen optimal sind. Ab einem Alter von drei Jahren ist die Hirnentwicklung Deines Lieblings allerdings schon so weit, dass auch das autobiografische Gedächtnis zu funktionieren beginnt.
  3. Die Ich-Entwicklung: Etwa im Alter von zwei bis drei Jahren entwickelt Dein Kind eine Vorstellung davon, wer es ist und dass es ein eigenständiges Leben führt. Dein Schatz muss einordnen können, was gestern, heute oder morgen ist. Solange Dein Kind kein Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat, kann es auch keine Erinnerungen abspeichern oder diese abrufen.

Aufforderung Mitmachen

Macht Dein Liebling auch ein drolliges Gesicht, wenn es versucht sich an etwas zu erinnern? Starrt Dein Kind auch mit offenem Mund auf Dinge, die ihm noch nie begegnet sind? Schnapp Dir Deine Kamera und lass uns daran teilhaben. Wir wollen es sehen! Schick uns Deine Bilder oder sogar Dein Video und füll unseren Kurzfragebogen aus! Wir freuen uns gespannt auf Dein Feedback!

Für Wissbegierige

Das Gehirn hat ein durchschnittliches Gewicht von 1.245g bei Frauen und 1.375 g bei Männern. Den meisten Platz nimmt das Großhirn ein, welches aus zwei Hälften (Hemisphären) besteht, die durch den Balken miteinander verbunden sind. Die linke Hirnhälfte ist z.B. für Sprache, Denkprozesse, Mathematik und Musik zuständig. In der rechten Hemisphäre wird die visuell-räumliche Wahrnehmung, Gefühle, Kreativität, Fantasie und Körperkoordination gesteuert. Männer haben zwar mehr Hirnmasse, nutzen verstärkt aber mehr die linke Gehirnhälfte – Frauen hingegen setzten beide Gehirnhälften gleichermaßen ein.

Kurz zusammengefasst

  • Die Gedächtnisleistungen eines Neugeborenen nennen Fachleute prozedurales Gedächtnis.
  • Zum prozeduralen Gedächtnis gehören jene Fähigkeiten, Abläufe und Fertigkeiten, die automatisiert durchgeführt und nicht bewusst abgerufen werden.
  • Die Nervenzellen bei einem Neugeborenen sind noch wenig verknüpft. Diese Synapsen nehmen im Lauf der ersten drei Lebensjahre jedoch immens schnell zu.
  • Ab wann sich Kinder an Geschehenes erinnern können, hängt laut Experten davon ab, wie weit die Sprache entwickelt, das Gehirn gereift und die Ich-Entwicklung fortgeschritten ist.
  • Ab drei Jahrenkönnen Erinnerungen in Bruchstücken vorhanden sein. Im Regelfall können Ereignisse ab etwa sechs Jahren klar aus dem Gedächtnis abgerufen

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