Vorurteile gegenüber dem Tragen von Babys: Das sagen Kinderärzte und Orthopäden

Eva Becker

Tragen ist schlecht für den Rücken oder die Motorik? Was Kinderärzte und Orthopäden zu den häufigsten Vorurteilen gegenüber dem Tragen sagen, erfährst Du hier.

Das ist nicht gut für den Rücken! Du verwöhnst Dein Kleines! So lernt es doch nie Krabbeln! Das sind die Klassiker unter den Vorurteilen gegenüber Tragetüchern oder Babytragen. Angesichts ausgeklügelter, superleichter und  wendiger Kinderwagen-Modelle erscheint es vielen Menschen einfach überflüssig, sich ein Kind „aufzubinden“. Dabei steckt doch in diesem Wort der so wichtige Begriff „Bindung“ bereits drin – Mutter und Baby binden sich aneinander. Das kann der Entwicklung des Kindes doch schwerlich entgegenstehen. Oder kann man es auch übertreiben? Hier erfährst Du, was Experten zu den häufigsten Vorurteilen sagen.

1. Vorurteil: „Du verwöhnst Dein Kleines“ 

Hier stimmt bereits der Grundgedanke nicht: Die Vorstellung, Eltern könnten ihre Säuglinge verwöhnen, ist schon oft von Experten kritisiert worden. Ein Baby kann man in den ersten Lebensmonaten nicht verwöhnen! Denn schließlich wollen wir, dass es in seinem Urvertrauen gestärkt wird, und in uns eine verlässliche Bindungsperson findet.  Und dass das Tragen sich positiv auf die Bindung auswirkt, das belegen viele Studien. Der bekannte Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster zitiert in seinem Aufsatz „Kinder verstehen“ diese:

„In einem aufwändigen wissenschaftlichen Experiment erhielten 25 zufällig ausgewählte, sozial benachteiligte Mütter nach der Geburt Tragesäcke. 25 andere, ebenfalls zufällig ausgewählte Mütter bekamen gepolsterte Plastik-Liegeschalen für ihre Kleinen. Das ganze erste Lebensjahr über wurden die Kleinen regelmäßig auf ihren Entwicklungsstand untersucht und der Umgang von Mutter und Kind beobachtet und ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Mütter, die ihre Säuglinge trugen, schon nach wenigen Monaten sensibler mit ihren Kindern umgingen. Nach einem Jahr wurde bei 83 % der „Tragekinder“ eine sichere Bindung zur Mutter festgestellt – also eine gute emotionale Beziehung. Unter den Nicht-Getragenen wiesen nur 38 % eine sichere Bindung auf.“

2. Vorurteil: „Das ist nicht gut für Rücken und Hüfte“

Genau das Gegenteil ist der Fall! Die Anhock-Spreiz-Haltung im Tragetuch mit Blickrichtung zur Mutter ist förderlich für die Hüftentwicklung. Das betont auch Orthopäde Dr. Ewald Fettweis, der als Koryphäe im Bereich der Hüftgelenk-Fehlbildungen bei Säuglingen gilt. In einem 2010 erschienenen Fachartikel weist er auch auf Untersuchungen hin, die zeigen, dass es in Japan früher so gut wie keine Fälle von Hüftschäden bei Babys gab, als diese noch der Tradition entsprechend hauptsächlich getragen wurden. Fettweis betont aber natürlich auch, dass die Tragetechnik eine entscheidende Rolle spielt: Die Hüftgelenke müssen um 90 Grad oder mehr gebeugt sein. Sind die Beine hingegen im Hüftgelenk gestreckt, ist das Tragen nicht mehr förderlich. Einprägsam für diese richtige Haltung ist der Begriff M-Position: Beine und Po bilden zusammen ein M. In dieser korrekten Haltung ist das Tragen dann nicht nur für die Hüfte, sondern auch für Babys Wirbelsäule äußerst gesund.

3. Vorurteil: „Das schränkt die Motorik und die Sensorik ein“ 

Stimmt nicht. Kinderarzt Herbert Renz-Polster betont:

„Tragen ist mit einer multisensorischen Stimulation verbunden: das Kind nimmt seine Mutter über mehrere Sinneskanäle wahr – über die Ohren, die Augen, den Geruch sowie über Berührung- bzw. Bewegungsreize. Außerdem ist das Getragen-Werden keine passive Erfahrung für den Säugling, sondern regt auch dessen motorische Reaktionen an, da schon der Säugling seine bevorzugte Position durch Ausgleichsbewegungen unterstützt.“

4. Vorurteil: „Das ist doch totale Reizüberflutung“ 

Auch dazu hat Herbert Renz-Polster eine klare Meinung:

„Je nach Bedarf kann sich das Kind den Umweltreizen im Tragetuch entziehen oder sich diesen zuwenden. Vieles spricht damit dafür, dass das Getragen-Werden Säuglingen eine bedürfnis- und entwicklungsgerechte Umwelt bietet, in der sie automatisch und kontinuierlich eine motorische und sensorische Förderung erfahren.“

5. Vorurteil: „Das Baby bekommt nicht genug Luft“ 

Eine Studie der Kinderklinik der Universität Köln räumte mit diesem Vorurteil auf: Sie untersuchte, ob es signifikante Unterschiede bei der Sauerstoffsättigung gab, wenn Babys im Tagebuch getragen wurden oder im Kinderwagen lagen. Das Fazit der Wissenschaftler: Während des Tragens sinkt die Sauerstoffsättigung des Blutes lediglich im Mittel um ein Prozent. Dieser Abfall ist bei Kindern, deren Gesundheitszustand normal ist, nicht bedenklich. Natürlich muss beim Tragen im Tuch aber immer darauf geachtet werden, dass das Gesicht des Babys nicht bedeckt ist.

Viele Vorurteile, keine Nachteile

Aber heißt das nun, dass Du Dein Baby auf jeden Fall tragen solltest? Wenn starke Rückenschmerzen oder andere Gründe Dich davon abhalten, musst Du auf keinen Fall in Sorge sein, dass Dein Kind dadurch Nachteile hat. Aber wenn Du unbedingt tragen willst, oder mit dem Gedanken spielst, dann hast Du nun die besten Argumente gegen Bedenkenträger: richtiges Tragen ist gesund, stärkt die Entwicklung und das Urvertrauen Deines Kleinen!

Du willst Dich weiter informieren? In unser Tragetuch-Beratung erklären wir Dir, worauf Du beim Kauf eines Tragetuchs achten solltest. Und wie Du Rückenschmerzen beim Tragen vermeiden kannst, erfährst Du hier.

Buchtipp: 

Folie1Herbert Renz-Polster

Kinder verstehen. Born to be wild. Wie die Evolution unsere Kinder prägt.

Verlag: Kösel

Quellen: 

Herbert Renz-Polster, Tragen – ist das gut für ein Kind? (online hier)

Herbert Renz-Polster, Tragen aus kinderärztlicher Sicht (online hier)

Dr. Ewald Fettweis, Über das Tragen von Babys und Kleinkindern in Tüchern und Tragehilfen, „Orthopädische Praxis“ 2/2010