Warum mein Kind unbedingt ein Junge werden sollte – Gender-Enttäuschung bei werdenden Eltern

Katharina

Opas und Omas hoffen auf einen kleinen Stammhalter – und dann sagt der Ultraschall: Es wird ein Mädchen. Wie unsere Autorin Katharina mit der Enttäuschung ihrer Familie umging, liest Du hier!

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Arthur!“ So hätte es laufen können, wäre ich nicht vor 25 Jahren überraschend als Katharina zur Welt gekommen. Und als acht Jahre später meine Zeit als Einzelkind beendet werden sollte, fragte ich überglücklich: „Ist mein Brüderchen jetzt endlich da?“ Worauf die Antwort lautete: „Ähm ja… Stefanie kam heute Nacht zur Welt.“ Du siehst also: Zerplatzte Gender-Wunschträume wurden mir quasi mit in die Wiege gelegt. In unserer Familie war es nämlich recht üblich, dass ein Junge erhofft wurde, aber dann doch ein Mädchen kam.

Überlegungen im Voraus

Lustigerweise gibt es auch in der Verwandtschaft meines Mannes einen deutlichen Jungen-Mangel. Besonders die zukünftigen Großväter machten sich viele Gedanken darüber, ob ihr Nachname nun bald aussterben würde. Mein Mann und ich konnten darüber jedoch herzlich lachen als wir beschlossen, dass wir gerne zum ersten Mal Eltern werden wollten. Ob Mädchen oder Junge, ist doch völlig egal. Oder etwa nicht?

Im Voraus hatte also keinen konkreten Wunsch. Ein Mädchen zu kriegen, hatte für mich den Vorteil, dass ich eigentlich nur das kannte. Wie man mit kleinen Jungs umgeht und spielt, damit hatte ich eigentlich kaum Erfahrungen. Doch einen Sohn zu haben, stellte ich mir auch sehr schön (und vielleicht sogar unkomplizierter?) vor. Also wollten wir uns einfach überraschen lassen. Festlegen kann man das Geschlecht im Voraus ja sowieso nicht. Warum also im Kopf eine konkrete Bestellung aufgeben?

Seltsamerweise stellte sich bei mir dann aber recht schnell ein gewisses Gefühl ein, als ich  erfuhr, dass ich tatsächlich schwanger war. Mein Bauchgefühl schien mir sagen zu wollen, dass da in mir gerade ein kleiner Junge heranwuchs. Verkündet haben wir der Familie meine Schwangerschaft dann am Heiligabend. Ich legte einen Brief unter den Weihnachtsbaum, geschrieben aus der Sicht des kleinen Bauchbewohners. Meine Mutter standen die Tränen in den Augen. Sie verriet mir, dass sie auch das leise Gefühl hatte, dass sich da ein kleiner Enkelsohn gerade selbst angekündigt hatte.

Die Gender-Bekanntgabe

Von da an hieß es, gespannt abzuwarten. Meine Frauenärztin spekulierte dann erstaunlich früh auf ein Mädchen. Konnte das wirklich wahr sein? Mein eigenes Gefühl konnte mich doch nicht so stark getäuscht haben. Bald war sie sich sogar sicher: „Sie bekommen ein Mädchen!“ Nun gut, vermutlich stand mir die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Traurig über die Nachricht war ich aber nicht. Nur gespannt auf die Reaktionen meiner Lieben. Würden sie enttäuscht sein?

Ich kaufte einen rosa Strampler und eine Minni Maus aus Plüsch. Diese versteckte ich unter meiner weiten Schwangerschaftsjacke und fuhr los, um meinen Mann von der Arbeit abzuholen. Bei unserer Umarmung zur Begrüßung fiel ihm das schnell auf. Ich öffnete die Jacke und schaute ihm gespannt ins Gesicht. Doch er freute sich eindeutig! Unsere „Übereinkunft“ kein bestimmtes Geschlecht zu erwarten, war also nicht nur leeres Gerede gewesen. Doch besonders die Bald-Großväter mussten sich schon etwas anstrengen, um ihre Enttäuschung zu verbergen. Oma versuchte zu beschwichtigen: „Ein Mädchen? Macht doch nichts.“ So herum formuliert wirkte das jedoch nicht unbedingt tröstlich.

Dann kam die nächste Ultraschalluntersuchung. Am 01. April 2014. Diesen Tag werde ich niemals vergessen. Denn was ich da zu sehen bekam, war ein kleiner Penis auf einer riesengroßen Leinwand. Nachdem allen Anwesenden zuerst fast die Augen aus dem Kopf fielen, brachen wir anschließend gemeinsam in lautstarkes Gelächter aus. Ich muss sagen, dass ich vorher noch nie so einen gelungenen Aprilscherz erlebt hatte. Mein SOHN war also schon jetzt ein richtiger Scherzkeks.

Von Freude und Enttäuschung

Als wir dann den Verwandten von dieser mysteriösen Geschlechtsumwandlung im Mutterleib erzählten, wurde plötzlich gehüpft, gelacht und getanzt. Man kann eben schlecht aus seiner Haut. Jetzt wo es ein Junge werden sollte, war die Begeisterung kaum zu übersehen. Kein Vergleich mit den ganzen verhaltenen Reaktionen als unser Sohn noch ein Mädchen werden sollte.

Einerseits fand ich die ganzen Geschehnisse rund um das Geschlecht unseres ersten Kindes sehr amüsant. Andererseits lag mir dieser Gedanke quer im Magen: Was wäre gewesen, wenn er doch ein Mädchen geworden wäre? Hätten seine Großeltern ihn dann weniger geliebt? Oder hätte sich das spätestens nach der Geburt auch wieder gelegt? Andererseits war ich erleichtert, dass mein Mann und ich uns für unseren Teil von Anfang an nicht festlegen wollten.

Ganz klar. Meine Eltern wollten damals einen Arthur und acht Jahre später einen Stefan. Heute lieben sie Katharina und Stefanie trotzdem über alles. Wenn vielleicht auch Du gerade unbedingt einen Jungen oder unbedingt ein Mädchen haben willst, ist das also die gute Nachricht für Dich. Manchmal kommt es eben anders als man denkt, aber es wird genauso schön. Oder vielleicht sogar noch schöner. Andernfalls empfehle ich werdenden Eltern gerne, es so zu handhaben, wie wir es damals taten. Denn wer nichts Bestimmtes erwartet, kann auch garantiert nicht enttäuscht werden.