Langzeitstillen – Das Für und Wider

Katharina Grammel

Warum endet eine Stillbeziehung in den meisten Fällen so früh? Stillprobleme, Einführung der Beikost, Druck aus der Gesellschaft – nur wenige Frauen entscheiden sich für eine Stillzeit über den ersten Geburtstag hinaus. Wir räumen mit den Ammenmärchen über das Langzeitstillen auf.

„Stillen will ich auf jeden Fall!“ – Diese Aussage treffen die meisten Mütter gegen Ende der Schwangerschaft. Das Baby ist da, das Stillen funktioniert gut, Ihr werdet schnell eine Einheit. Nach einigen Wochen probierst Du den ersten Brei und so langsam wird Dein Baby groß.

Zu diesem Zeitpunkt entscheidet sich der Großteil der Mamas, dass das Baby nun abgestillt wird. Ein kleiner Prozentsatz stillt aber noch viele Wochen, Monate und sogar Jahre weiter und erntet dafür nicht immer nur Zuspruch.

Stillen ist das Beste für Dein Baby

In den ersten Lebensmonaten ist die Muttermilch perfekt an die Bedürfnisse Deines Babys angepasst. Dabei verändert sich die Zusammensetzung der Milch und versorgt Deinen Schatz mit den Vitaminen, Nährstoffen und Spurenelementen, die er dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend benötigt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Monaten. Danach beginnt die Einführung der Beikost. Natürlich kann auch bis zum 2. Geburtstag oder darüber hinaus gestillt werden, solange Mama und Baby es wünschen.

Im ersten Lebensjahr sollte außerdem damit begonnen werden, dem Kleinen zusätzlich zur Milch Beikost zu füttern, wobei Muttermilch weiterhin die Hauptnahrung für Dein Baby bleibt.Stillen_Kleinkind_groß (1)

Wann beginnt Langzeitstillen?

Der Begriff „Langzeitstillen“ ist nicht klar definiert. Für die einen beginnt das Langzeitstillen schon ab dem Zeitpunkt, an dem man den ersten Brei füttern kann, für andere wiederum nach dem ersten Geburtstag, vereinzelt sogar noch später.

Für meine Begriffe beginnt das Langzeitstillen nach dem ersten Geburtstag. Das Kind isst vom Familientisch mit und zusätzliche Milch wird ab dem ersten Geburtstag theoretisch nicht mehr benötigt. Vitamine und Nährstoffe werden komplett über die Nahrung aufgenommen, sofern Du für eine ausgewogene und gesunde Ernährung Deines Kindes sorgst.

Warum entscheidet man sich fürs Langzeitstillen?

Die Gründe können sehr verschieden sein. Eventuell hast Du ein Kind, welches sehr auf Dich fixiert ist und viel Nähe benötigt. Stillen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme; es bedeutet Nähe, die Du Deinem Kind geben kannst. Stillen tröstet und beruhigt, wirkt schmerzlindernd und dient oftmals als Einschlafhilfe.

Vielleicht bist Du Dir aber von Geburt Deines Babys an sicher, dass Du Dein Kind mehrere Jahre stillen möchtest. Das ist genauso möglich, wie dass Du erst im Laufe der Stillzeit entscheidest, dass Eure Stillbeziehung noch nicht zu Ende gehen soll, weil Dein Baby Dich und Deine Nähe noch braucht.

Die Entscheidung zum Langzeitstillen kann auch andere Gründe haben. Dein Baby schläft beispielsweise nur an der Brust ein und benötigt diese auch öfters in der Nacht. Kein Problem, solange Du und Dein Baby das möchten. Es ist wunderschön, wenn Du Dein Baby so sanft und friedlich einschlafen sehen kannst. Genieße diese ruhige und innige Zeit mit Deinem Baby.

Vor- und Nachteile

In den ersten zwei Jahren entwickeln sich die Kinder rasant: Drehen, krabbeln, laufen, sprechen, verstehen – all das erfordert viel Energie, verunsichert aber auch. Da ist die Mama der Ruhepol und die Sicherheit.

Dein Baby schläft friedlich bei Dir an der Brust ein, ohne Weinen, Schreien und stundenlangen Kampf jeden Abend. In der Muttermilch sind Stoffe, die müde machen. So kommt Dein Kind schnell zur Ruhe und kann sicher, satt und warm die letzten Minuten seines Tages bei Mama genießen.

Schläft Dein Kind nicht durch, mach Dich nicht verrückt. Durchschlafen hat nur bedingt mit dem Stillen zu tun. Stille weiter und sieh es positiv: Stell Dir vor, Du müsstest zu jeder Stillmahlzeit in der Nacht eine Flasche zubereiten. So kannst Du im Liegen stillen und Dich am nächsten Morgen vermutlich gar nicht an die kleinen Stillpausen erinnern.

Aber nicht nur Kinder profitieren vom Langzeitstillen. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken sinkt mit der Stilldauer. Zusätzlich schüttet Dein Körper während der Stillmahlzeit das Hormon Oxytocin aus, welches beruhigend auf die Mama wirkt, sodass Du geduldiger und ruhiger mit Deinem Kind umgehen kannst.

Du siehst: Biologisch gesehen hat Stillen nur Vorteile für Dein Baby und Dich! Dem gegenüber stehen jedoch Argumente, die sich auf das soziale Umfeld des Kindes beziehen. Spätestens wenn die Kleinen in die KiTa oder den Kindergarten kommen, lernen sie viele gleichaltrige Kinder kennen. Da langes Stillen im westlichen Kulturkreis weniger üblich ist, wird Dein Kind unter Umständen mit negativen Meinungen konfrontiert. Solltest Du merken, dass es sich unwohl fühlt mit einer solchen Situation, nimm Dir die Zeit, um mit Deinem Kleinen darüber zu sprechen.

Zudem schränkt Dich das Stillen in Deiner Freizeitgestaltung ein, denn ab einem gewissen Kindesalter ist das Füttern der Muttermilch nicht mehr so wichtig, dass Du sie abpumpen müssest. Es geht beim Stillen dann vielmehr um die Nähe zur Mutter als die Nährstoffe und beruhigende Wirkung, die die Milch in den ersten Monaten so wichtig machen. Nun kommt es aber auf den Charakter Deines Kindes an, denn womöglich verlangt Dein Kind gar nicht die Brust, wenn Du nicht da bist. Vielleicht gibt es sich zufrieden, wenn Papa ihm nachts die Flasche gibt. Dann ist auch der Kindergartenstart nicht unbedingt ein Grund zum Abstillen. Tagsüber macht Ihr einfach eine Pause und abends gehört die Zeit Dir und Deinem Stillkind.

Zähne sind ebenfalls kein Grund zum Abstillen. In unserem Ratgeber „Achtung, hungriger Vampir“ – Wie Stillen trotz Zähnchen möglich ist erläutern wir Dir alles, damit Eure Stillbeziehung nicht beendet wird, ohne dass Du das möchtest.

Kleinkind stillt und lacht

Gesellschaftliche Akzeptanz

Nur wenige stören sich daran, wenn ein Dreijähriger noch einen Schnuller nutzt oder abends seine Einschlafflasche trinkt. Wenn dieses Kind noch die Brust bekommt, hört man sehr oft unschöne Kommentare. Die Entscheidung, wie lange Du stillen möchtest, liegt im Endeffekt aber ganz bei Dir.

In vielen Ländern auf der Welt werden Kinder lange Jahre gestillt, in den westlichen Ländern ist dies nicht (mehr) üblich. Ein laufendes und sprechendes Kind zu stillen, ist hierzulande in der Gesellschaft kaum akzeptiert.

Das liegt unter anderem daran, dass hier schon früh eine gewisse Eigenständigkeit vorausgesetzt wird: Kinder sollen schnell im eigenen Zimmer durchschlafen, werden im Kinderwagen gefahren und selten getragen und sollen sich auf der Krabbeldecke alleine beschäftigen. Langzeitstillen passt nicht so recht in dieses Bild.

Einerseits solltest Du das Abstillen nicht zu früh erzwingen. Im ersten Lebensjahr hat das Stillen neben der Beziehung zum Kind die Funktion, es mit wichtigen Nährstoffen und Vitaminen zu versorgen. Da mit zunehmender Einführung der Beikost sowie fester Nahrung Dein Kind auch ohne Muttermilch ideal ernährt wird, beschränken sich die Gründe später hauptsächlich auf die Stillbeziehung. An dieser Stelle solltest Du besonders darauf achten, ob das Bedürfnis beidseitig ist, oder ob es Dir persönlich schwer fällt, die Stillzeiten mit Deinem Kleinen aufzugeben. Letzteres sollte nicht die Motivation hinter dem Langzeitstillen sein, denn es gibt viele andere Möglichkeiten, mit Deinem Kind wunderschöne, innige Momente zu erleben.

Dein Kind ist das Wichtigste

Stille so lange, wie Du es möchtest, behalte dabei aber stets auch das Bedürfnis Deines Schatzes im Fokus. Langzeitstillen ist mit keinen gesundheitlichen Risiken für Dein Kind verbunden. Sobald Muttermilch jedoch nicht mehr notwendiger Bestandteil der Ernährung Deines Kindes ist, solltest Du darauf achten, wann Dein Kind bereit ist, abgestillt zu werden.

Auch eine väterliche Bezugsperson ist wichtig für Dein Baby: Was die Vaterrolle ausmacht, zeigen wir Dir in unserem Ratgeber.